Leinenjanker von Campe & Ohff, Teil 2

Ich war sehr gespannt auf das Ergebnis, denn ich bin bei der Bestellung in einem wichtigen Punkt vom Schlupfmuster abgewichen. Ich habe die Jacke ohne Schulterpolster bestellt, um sie weniger kastig aussehen zu lassen. Außerdem empfinde ich ungepolsterte Schultern als stimmiger zu dem gewählten Leinenstoff und zur Lässigkeit eines Sommerjankers. Ich war mir aber unsicher, wie das Ergebnis ausfallen würde. Fehlende Schulterpolster können z. B. zu Schrägfalten über den Schultern führen. Auch kann die Brustpartie dadurch unruhig werden.

Als ich in Hamburg eingetroffen war, betrachtete ich zuerst den Stoff und den dunkelgrünen Ausputz, beides gefiel mir sehr gut. Allerdings war ich mir bei dem gewählten Leinen sehr sicher gewesen. Dass ich das rote Futter gewählt hatte, habe ich angesichts der fertigen Jacke nicht bereut. Das Futter besteht aus einem Gemisch von Viskose und Acetat, es fühlt sich sehr seidig an, ist dabei aber leicht. Das Ärmelfutter hatte ich in einem klassischen Streifendessin gewählt, wie ich aus der Maßschneiderei kenne. Es macht sich sehr gut zu dem Oberstoff und dem Futter. Die Hirschhornknöpfe geben der Jacke eine Anmutung von Tracht, die Größe der Knöpfe ist gut gewählt und passt zu den Proportionen der Jacke. Die Taschen waren wie gewünscht, innen fehlte auch die Kammtasche nicht. Die Verarbeitung ist sehr ordentlich. Die Knopflöcher sind mit der Maschine genäht, das wusste ich aber vorher. Auch hier ist die Näharbeit gut gemacht.

Nun ließ ich mir von Hans-Henrik Ohff in die Jacke helfen. Sie fühlt sich leichter an, als ich gedacht hatte. Der Schnitt basiert auf Konfektionsgröße 50, da die 48 an den Schultern und der Brust ein wenig zu knapp ausgefallen ist. Als ich mich im Spiegel sah, war ich positiv überrascht. So gut hatte ich die Passform und den Look nicht vorgestellt. Die Jacke sitzt sehr gut an den Schultern, die Ärmellänge ist wie abgemessen und bestellt, die Gesamtlänge stimmt ebenfalls. Die ungepolsterten Schultern sitzen gut, man hat viel Bewegungsfreiheit durch die Kellerfalte am Rücken. Die Kellerfalte kennt man vom Hubertusmantel. Manch einer würde diese Jacke vielleicht kleiner wählen, ich mag sie geräumig. Diese Jacken waren ursprünglich ländlich-bäurische Bekleidung, zugeschnitten auf körperliche Arbeit und Aktivität, kein Festtags- und Repräsentationsgewand.

Da das Wetter in den letzten Wochen nicht sehr frühlingshaft war, habe ich die Jacke erstmals für die Fotoaufnahmen angezogen. Deshalb sieht sie noch sehr neu aus. Der Leinenstoff wird natürlich knittern, dadurch gewinnt die Jacke aber an Charakter. Für die Fotos habe ich sie mit einem älteren Maßhemd von Finamore aus Stoff von Alumo kombiniert, einer Maßkrawatte von Auerbach (Artikel), einer amerikanischen Chino und (nicht abgebildet) Tasselloafer von Ed.Meier München kombiniert. 

Die gezeigte Zusammenstellung entspricht vom Dresscode einer gewöhnlichen Sakko-Hose-Kombination, die sich für den alltäglichen Einsatz im Büro und Freizeitanlässe eignet. Wenn man die Krawatte weglässt, wirkt das Outfit lässiger. Wenn man die Hosen durch graue Tuchhosen ersetzt und die Schlupfschuhe durch Schnürer, wäre die Kombination auch abends tragbar, z. B. in einem gehobenen Restaurant oder bei einer Vernissage. Ich werde diese Jacke aber auch mit Jeans aus hellem Twill tragen oder sogar Bermudashorts, z. B. bei einer Grillparty am See oder ähnlichen Anlässen. 

Der Preis von 395 Euro ist angemessen für eine einzeln angefertigte Jacke in dieser Qualität. Es handelt sich dabei, wie im ersten Teil dieses Berichts gesagt, nicht um Maßkonfektion. Vielmehr um eine Jacke in einer unveränderten Konfektionsgröße, bei der lediglich die Gesamt- und die Ärmellänge an die Wünsche und Maße des Kunden angepasst werden können. Bei mir hat das sehr gut geklappt, wir haben die Gesamtlänge der Größe 50 übernommen und nur die Ärmellängen verändert. Die Lieferzeit von sechs bis acht Wochen ist akzeptabel, vorausgesetzt, man bestellt rechtzeitig vor Saisonbeginn. Ich würde jederzeit wieder so eine Jacke bei Campe & Ohff bestellen, für den Herbst denke ich z. B. über einen Janker aus Samt nach.