Trofeo Arbiter in Mailand — Die Meisterschaft der italienischen Schneider

Im September 2020 kämpften 36 italienische Herrenschneiderinnen und Herrenschneider um die Medaillen für die besten Bespoke-Anzüge des Landes. Ein Bericht aus Sicht eines Jurymitglieds.

Am 18. und 19. September 2020 fand in Mailand das Bespoke-Event Milano su Misura statt. Als Krönung und Abschluss wurde der Trofeo Arbiter in verschiedenen Kategorien an italienische Herrenschneiderinnen und Herrenschneider verliehen. Veranstalter war das Herrenmagazin Arbiter. Am Rande der Veranstaltung präsentierten sich Hemdenmacher und Schuhmacher aus Italien, z. B. der Hemdenmacher Alessandro Siniscalchi oder Vivian Saskia Wittmer. Franz Botré, der Herausgeber und Chefredakteur von Arbiter, hatte mich eingeladen, Teil der Jury zu sein. Diese Einladung nahm ich nach kurzer Bedenkzeit an, da es mich reizte, neue Ateliers kennenzulernen. Aufgrund der Pandemie wurde das ursprünglich für das Frühjahr geplante Event auf den September verschoben. Die Namen der anderen Jurymitglieder erfuhr ich erst kurz vor meiner Abreise nach Mailand. Aus Paris war als weiterer Gast aus dem Ausland Lorenzo Cifonelli dabei. 

Insgesamt hatten sich 36 Ateliers für die Teilnahme qualifiziert, über 50 Betriebe hatten sich beworben. Ich kannte viele Teilnehmer dem Namen nach, einige waren mir neu. Große oder international bekannte Ateliers waren nur spärlich vertreten. Rubinacci war dabei, Tommy & Giulio Caraceni, Gaetano Aloisio, Franco Puppato und Massimo Pasinato. Die Teilnehmer schickten einen Outfit ins Rennen, das sie für ein Model nach Maß angefertigt haben. Die meisten Models waren Amateure, z. B. Freunde, Verwandte oder Kunden der Schneider. Einige wenige „sarti“ hatten das Outfit für sich selbst geschneidert und führten es persönlich vor. In einem Fall war der Anzug für ein anderes Modell geplant gewesen wurde nach dessen Ausfall aber geändert und vom Schneider selbst präsentiert. Die Stoffe wurden von dem Sponsor Loro Piana zur Verfügung gestellt. Die geschneiderten Outfits wurden vor der Modenschau im Hotel Principe di Savoia ausgestellt, anschließend wurden sie von den Models, für die das Outfit angefertigt worden war, vorgeführt.

Die italienischen Juryteilnehmer hatten die Teile schon im Anprobestadium gesehen, ich konnte die Kleidungsstücke nur einmal kurz vor der Modenschau betrachten. Ich machte das so genau, wie es in der kurzen Zeit möglich war und machte mir zu jedem Teil Notizen. Vor der Modenschau bekam die Jury Bewertungsbögen, auf denen sie ihre Noten für die Outfits vergeben haben, z. B. für die Wahl des Stoffs, Passform von Jacke, Hose oder Weste oder Verarbeitung. Auch die Präsentation des Outfits und durch das Model galt es zu benoten. Das war schwierig, da die wenigen Profimodels natürlich anders auftraten als ein mit dem Schneider befreundeter Geschäftsmann oder ein betagter Schneider, der seine Kreation selbst vorführte. Nach der Modenschau traf sich die Jury zur Besprechung, dabei wurden auch die Bewertungsbögen eingesammelt. Die Auswertung der Bögen fand ohne die Jurymitglieder statt, wir haben das Endergebnis erst bei Preisverleihung am Ende des Gala-Dinners erfahren. Die erste Preis ging an das kleine aber angesehene Atelier von Franco Puppato aus Venedig, die Silbermedaille an Massimo Pasinato aus Vicenza. Außerdem teilten sich die Neapolitaner Rubinacci und Antonio Visone einen Preis. Letzterer hat in Wien eine gewisse Bekanntheit, weil er regelmäßig bei Jungmann & Neffe gastiert.

Schneiderwettbewerbe haben eine lange Tradition, in den letzten 20 Jahren sind sie allerdings mehr und mehr zu einer internen Verbandsangelegenheit geworden. Auch internationale Schneiderkongresse, die oftmals mit Modenschauen und Preisverleihungen verbunden waren, werden kaum noch von der Öffentlichkeit beachtet. Zuletzt war ich 2005 beim Weltkongress der Maßschneider in Berlin dabei. Ich habe damals eine Modenschau von Nachwuchsschneiderinnen und Nachwuchsschneidern moderiert. Ich habe diese Wettbewerbe immer schon mit einer gewissen Skepsis betrachtet. Ein guter Maßschneider ist jemand, der den Wunsch eines Kunden optimal umsetzt. Wenn Schneider die Rolle des Kunden selbst übernehmen und für einen Wettbewerb ein Kleidungsstück nach ihrem eigenen Geschmack gestalten, entfällt ein wesentlicher Faktor. Ein Schneider wächst mit den Anforderungen des Kunden. Und aus Kundensicht ist auch nur das interessant, was ein Schneider für die Kunden macht. Was der Schneider selbst schön findet, ist weniger von Belang. Wichtiger ist für mich das, was für einen Kunden, mit dem ich geschmacklich auf einer Linie liege, angefertigt hat. Denn daraus kann ich schließen, was dieser Schneider für mich machen könnte.

Fazit: Das Event hat einen sehr breiten Ausschnitt der italienischen Schneiderszene gezeigt. Die verliehenen Preise sind für die Teilnehmer vielleicht eine gute Werbung, für die Kunden sind sie nur bedingt eine Entscheidungshilfe bei der Suche nach einem Schneider. Im jedem Fall sind alle Events zu begrüßen, die für die Bespoke-Kultur werben.

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