Franz Gustav Schuhe: Mehr als rahmengenäht

Progressive Klassik von Christoph Renner: Zwischen Goodyear und innovativen Macharten

Klassische Schuhe – bei diesem Stichwort denken die meisten an Brogues, Oxfords und Loafer. Norweger, Derbys oder Chukkaboots. Rahmen- oder zwiegenäht, eventuell auch holzgenagelt oder durchgenäht.

Diese Art von Schuhen sind nach wie vor unverzichtbar, wenn man sich traditionell kleidet. Zum zeitlos proportionierten Anzug wollen Sneaker nicht passen. Was daran liegt, dass sie aus einer anderen Epoche stammen. Was gelegentlichen Stil-Mix natürlich nicht ausschließen soll.

Der Wandel im Schuhmarkt: Von Klassik zu Casual

Die Nachfrage nach klassischen Schuhen dieser Art nimmt stetig ab. Der traditionsreiche Hersteller Crockett & Jones beobachtet z. B. seit einigen Jahren, dass Modelle, die eine bewährtes Schaftdesign mit einer leichteren und weicheren Ausführung verbinden, bei den Kunden am besten ankommen.

Immer weniger Männer tragen die ganze Woche traditionelles Schuhwerk. Wer vielleicht noch im Büro zu Anzug oder Sakko-Hose-Kombination rahmengenähte Brogues oder Double-Monks wählt, ebenso zum dunklen Anzug bei besonderen Anlässen, wird in der Freizeit zum Casual-Look sportliche Schuhe bevorzugen – im weitesten Sinne also Sneaker.

Sneaker sind für viele Freunde des klassischen Kleidungsstils Inbegriff von Unkultur. Dabei tragen sie selbst am Wochenende hochwertige Hiking- oder Walkingschuhe mit griffiger, gut gedämpfter Sohle und praktischer Goretex-Membran. Oder hochwertige Retro-Trainingsschuhe, wie sie z. B. Ludwig Reiter seit vielen Jahren sehr erfolgreich verkauft.

Ich selbst bin durch den Laufsport und das Wandern auf Macharten, Schaftmaterialien und Leistenformen gestoßen, die ich vorher nicht kannte. Und trotzdem pauschal abgelehnt hätte. Dabei ist mir schon vor 30 Jahren bei der Bildrecherche für meine Bücher aufgefallen, dass Prince Charles, Ikone des Gentleman-Stils, bei bestimmten Gelegenheiten moderne Wander- oder Outdoorschuhe getragen hat.

Wer die Bequemlichkeit moderner Sport- und Freizeitschuhe kennenlernt, wird seine rahmengenähten Klassiker eventuell anders wahrnehmen. Wer viel auf den Beinen ist, als Läufer, Wanderer oder Spaziergänger, wird, vor allem mit zunehmendem Alter, zunehmend empfindlich auf harte Sohlen und drückende, einengende Leistenformen reagieren. So geht es wenigstens mir.

Natürlich muss ein rahmengenähter Schuh nicht unbequem sein. Das Schuhhaus Eduard Meier in München propagiert seit den 1990er Jahren rahmengenähte Schuhe aus asymmetrischen Leisten, die den großen Zeh nicht nach innen drücken. Auch Schuh Bertl in München bietet rahmen- und zwiegenähte Schuhe auf solchen Leisten an. Der Großteil des rahmengenähten Schuhwerks wird jedoch auf Leisten gebaut, die wenig Zehenfreiheit bieten. Wenn ein Hersteller auch breite Formen anbietet, ist dies eine Ausnahme.

Qualität jenseits der englischen Klassik

Von diesen praktischen und fühlbaren Aspekten abgesehen, gibt es viele Männer, die sich zwar hochwertig, jedoch nicht unbedingt klassisch im Sinne des englischen Stils kleiden. Zu einem schlank geschnittenen, schlicht gestalteten Anzug, zu Sportswear und Business-Casual, empfindet manch einer die klassischen Rahmengenähten als unpassend. Wünscht sich aber dennoch Schuhe, die neben einem etwas anderen Design hohe Qualität bei Material, Verarbeitung und Passform bieten.

Franz Gustav: Progressive Klassik von Christoph Renner

In diesem Segment ist die Marke FRANZ GUSTAV angesiedelt. Gegründet von Christoph Renner, einem der profiliertesten Experten der deutschen Schuhbranche. Ich kenne ihn seit vielen Jahren von verschiedenen Begegnungen auf Fachmessen und Ausstellungen. Seine Erfahrung, sein Wissen und sein Ideenreichtum machen ihn zu einem spannenden Gesprächspartner. In unserem Exklusiv-Interview äußert er sich ausführlich zu seiner Schuhmarke und der dahinter stehenden Philosophie.

Im Gespräch mit Christoph Renner

FH: Was ist für Sie ein guter Schuh?

Christoph Renner: Wenn man morgens beim Anziehen Vorfreude spürt und abends beim Ausziehen immer noch ein Lächeln auf den Lippen hat. Vorfreude, weil der Schuh die Garderobe perfekt abrundet und das Lächeln, weil der Schuh einen problemlos durch den Tag getragen hat.

FH: Wie hat sich der Schuhmarkt in den letzten Jahren verändert? Was war vor 10 Jahren anders, was vor 20 Jahren?

Christoph Renner: Darüber könnten wir endlos sprechen. Eigentlich hat der Markt von vor 20 Jahren nichts mehr mit dem Markt von heute zu tun. Sowohl von der Handelslandschaft – vor 20 Jahren gab es noch sehr wenige Online-Shops und mehr beratenden Fachhandel – als auch stilistisch. Früher war mehr Klassik, heute ist mehr Casual. Die Sneakerwelle der letzten Jahre hat Ihren Höhepunkt zwar überschritten, aber die „alte Klassik“ tut sich immer noch schwer.

Macharten bei Franz Gustav: Von Goodyear bis Overflex

FH: Die Schuhe von Franz Gustav werden in verschiedenen Macharten gefertigt. Welche sind das?

Christoph Renner: Ich habe mehrere Linien, die sich von den Macharten her unterscheiden. In der Toplinie lasse ich Goodyear-Schuhe in einer kleinen Manufaktur in Portugal mit einem sehr hohen Anteil an Handarbeit fertigen. Den größten Teil fertige ich in einem hervorragenden Familienbetrieb in Polen. Hier lasse ich Blake-genähte Modelle, geklebte und angenähte Schuhe fertigen. Außerdem Overflex, eine spezielle Machart, die es erlaubt, superflexible Schuhe mit einer sehr großen Haltbarkeit herzustellen.

FH: Könnten Sie die genannten Macharten kurz erklären? Blake heißt durchgenäht, die Naht geht durch Innensohle und Laufsohle. Erkennbar an der Naht innen im Schuh. Von außen ähnelt der Schuh einem rahmengenähten Modell. Was heißt „angenäht“? Und wie wird Overflex gemacht?

Christoph Renner: Die angenähte Machart verwenden wir für Sneaker mit Schalensohlen die einen etwas höheren Rand haben. Der Schuh wird hierbei mit einer mehrlagigen, gepolsterten Brandsohle gezwickt. Anschließend wird die Sohle angeklebt und zusätzlich mit einer umlaufenden Naht am Schaft angenäht. Eine sehr haltbare und trotzdem sehr flexible Machart.

Overflex ermöglicht es Schuhe zu fertigen, die tatsächlich so flexibel sind, dass man sie aufrollen kann. Diese Machart kombiniert Elemente der klassischen Cosymachart mit eingenähter Brandsohle mit der Californiamachart aus den 1940ern.

Die Cosymachart kennt man aus dem Hausschuhbereich – hierbei wird die Brandsohle gestürzt in den Schuh eingenäht, bevor er aufgeleistet wird. Zusätzlich wird an den Schaft ein umlaufender, etwa 3 cm breiter, Lederstreifen mit einer gestürzten Naht angenäht. Dieser Lederstreifen wird nach dem Aufleisten unter die Brandsohle gezwickt. Dieser umlaufende Lederstreifen stabilisiert den Schuh.

Design trifft Funktion: Die Philosophie hinter Franz Gustav

FH: In welchem Verhältnis stehen Aussehen und Funktion, Design und Konstruktion bei ihren Schuhen?

Christoph Renner: Mein Ansatz bei FRANZ GUSTAV ist es, eine progressive Klassik zu entwickeln, die klassische Akzente aufgreift und in neue Beziehungen setzt so dass daraus Neues entsteht. Wenn ich eine Idee für einen neuen Schuh habe, ist die erste Frage, die ich mir stelle, die nach der Funktionalität. Was soll der Kunde mit dem Schuh machen können, für welchen Einsatzzweck soll der Schuh entwickelt werden?

Die zweite Frage ist: Gibt es so etwas schon auf dem Markt? Meine Schuhe müssen für sich stehen, Trends interessieren mich nur am Rande. Im Vordergrund steht die möglichst optimale Verbindung von Passform, Eleganz, Komfort und Funktionalität. Aus der Funktionalität und dem Look den ich erreichen möchte, werden Machart, Material und Design festgelegt.

FH: Und die Leisten?

Christoph Renner: Die entwickle ich in den meisten Fällen selbst. Ganz klassisch mit Holzleisten, Schraubstock und Feile. Der Leisten bildet die Basis für Schaftdesign und Passform. Hierbei habe ich meine eigene Philosophie, die sich in einem Satz zusammenfassen lässt: Guter Halt in der Ferse, Platz für die Zehen und trotzdem so elegant wie möglich. Ein perfekter Leisten vereinigt in sich Anatomie und Ästhetik.

Smart-City-Kollektion: Die bequemsten Businessschuhe

FH: Die Schuhe der Smart-City-Kollektion beschreiben Sie als die „wahrscheinlich bequemsten Businessschuhe der Welt“. Was macht diese Modelle so bequem?

Christoph Renner: Hier haben wir alle Register gezogen – ein eleganter Leisten, der trotzdem Platz an den richtigen Stellen hat. Der neu entwickelte lange Derby verteilt den Druck der Schnürung optimal auf dem Spann. Die Innensohle fertigen wir von Hand an. Hier werden mehrere Lagen aus unterschiedlich harten Naturlatex-Schäumen zusammengenäht, die perfekten Komfort bei minimaler Stärke bietet.

Die Tubes-Sohle, über die wir auch unsere FREILAUF-Modelle fertigen, besteht aus stoßdämpfenden Röhren und ist so flexibel, dass man sie problemlos knicken kann. Das alles ohne Materialmix, sondern einfach durch die Formgebung der Sohle und dem Einsatz von sehr hochwertigem Gummi.

FH: Was zeichnet Ihre Goodyear-Modelle aus?

Christoph Renner: Vor allem die Passformphilosophie – schlanker hoher Rückfuß, Großzügige Ballenweite und eine asymmetrische Spitze sind das Geheimnis. Die Essenz aus etwa 400 Maßleisten, die ich in meinem Berufsleben gebaut habe. Der Look spielt mit klassischen Schnitten, einem kernigen Bodenbau und einer eleganten Linienführung.

Der Bodenbau ist mit doppelten Leder- und Profilsohlen eher kernig und rustikal. Ich wollte nicht den tausendsten Italienischen, englischen oder ungarischen Look machen. Die Modelle sind eigenständig ohne laut oder exaltiert zu sein.

FH: Wenn man einen Schuh mag, will man lange etwas davon haben. Sind alle ihre Modelle gut zu reparieren? Was mache ich z. B. mit den Tube-Sohlen des Businessschuhs. Kann die jeder reparieren oder ersetzen, wenn sie ab- oder durchgelaufen sind?

Christoph Renner: Wir bieten für die meisten unserer Modelle einen Reparaturservice an, bei dem die Laufsohle, speziell bei den Tubes-Sohlen, komplett erneuert werden können. Diese Reparatur wird im Herstellungsbetrieb ausgeführt. Dauert etwa 4 Wochen und kostet um die 90 €. Goodyear-Schuhe reparieren wir mit einem Partner vor Ort.

Schuhpflege: Vom Tragen bis zum Schutz

FH: Zum Abschluss: Welche Tipps haben Sie für die Pflege ihrer Schuhe?

Christoph Renner: Eigentlich ist Schuhpflege keine Raketentechnik, wichtig ist heutzutage, dass Schuhe überhaupt gepflegt werden. Schuhpflege lässt sich relativ einfach in 4 Bereiche aufteilen: Tragen, Reinigung, Pflege und Schutz.

Tragen: Die alte Weisheit einen Tag tragen und zwei Tage stehen lassen ist immer noch die beste Pflege für einen Schuh – vor allem, wenn er zumindest einen Tag auf einem Schuhspanner trocknen kann.

Reinigung: Im Alltag reicht bürsten oder mit einem feuchten Lappen abwischen aus.

Pflege: Bei Glattledern mit entsprechenden Pflegecremes – farblos und mit einer etwas dunkleren Farbcreme im Wechsel ergibt eine sehr schöne Patina. Je fester und glatter die Lederstruktur ist, desto härter sollte die Creme sein. Also für weiche, genarbte Leder macht ein Hochglanz-Wachs wenig Sinn, für feine Boxcalf-Leder bekomme ich mit einer Wachspolitur meist einen schöneren Glanz hin. Einen Unterschied in Bezug auf die Lebensdauer der Schuhe habe ich bei keinem der guten Marken-Pflegemittel festgestellt.

Schutz: Am besten mit entsprechenden „Imprägnier“-Mitteln, speziell für offenporige und Velourleder ist das wichtig. Am Anfang eher öfter benutzen. Und natürlich bei schlechtem Wetter. Wichtig ist, dass diese Mittel meist 24 Stunden benötigen bis sie richtig wirken, also nicht einsprühen und raus in den Regen, das hilft nichts.

FH: Vielen Dank für das spannende Gespräch.