Deutsche Maßschneider: Diehm Bespoke in München

Besuch bei Detlev Diehm in Untermenzing: Vom Valentino-Designer zurück zur Maßschneiderei

In München waren noch in den 1990er Jahren eine Reihe von bedeutenden Herrenschneidern aktiv. Nach und nach sind sie in den Ruhestand gegangen oder gestorben. Einige von ihnen habe ich noch kennengelernt. Doch die 1990er waren nur ein matter Abglanz von dem, was München in den 1960ern und 1970ern geboten hat. Neben Düsseldorf war München die wichtigste Schneiderstadt der Bundesrepublik.

Die Münchener Szene heute: Klein und fein

Heute ist es in Sachen Maßschneiderei sehr ruhig in München. Gewiss, es gibt noch Max Dietl, doch auch dort ist die Bespoke-Abteilung nur noch einer von mehreren Bereichen des großen Modehauses. Was nicht an Dietl liegt, sondern an der geänderten Nachfrage. Wer die Preise für Bespoke zahlen kann, bevorzugt oft Designermode oder handgemachte Anzüge aus Neapel von der Stange. Und sonst? Sicking natürlich. Dann wird die Luft dünn. Massura liefert auch Bespoke, genäht wird es aber in Italien.

Dass echte Bespoke-Schneiderei in der Münchner Innenstadt kaum noch zu finden ist, kümmert Schneiderkunden wenig. Im Gegenteil. Randlagen sind diskreter, denn die wenigsten wollen gesehen werden, wenn sie ihren Schneider aufsuchen. Zum Beispiel Detlev Diehm in Untermenzing. Eine gute halbe Stunde von der Innenstadt entfernt empfängt er seine Kunden in einem leicht zurückliegenden, mehrstöckigen Wohnhaus.

Diehm Bespoke: Mal Untermenzing, mal Berlin und Paris

Auf mein Klingeln öffnet eine freundliche ältere Dame die Gartenpforte. Sie ist Detlev Diehms Schwiegermutter, sie war zufällig im Garten, weiß aber, dass ich erwartet werde und übernimmt es, mich hineinzuführen. In der Eingangshalle des Hauses steht rechts eine mit rotem Samt gepolsterte Gebetsbank unter einem Garderobenspiegel. Die Bank wurde für Detlev Diehms Trauung im Garten des Hauses angeschafft, nun steht sie vorläufig hier.

Links eine geschnitzte Figur des Heiligen Josef, dahinter eine Mutter Gottes. Antike Möbel aus Familienbesitz, an den Wänden Gemälde, Zeichnungen, Aquarelle. Während ich ablege, kommt Detlev Diehm die Treppe herab. Er trägt einen grauen Zweireiher, ein breitgestreiftes Hemd, eine dunkelblaue Krawatte, Einstecktuch und schwarze Loafer.

Vom Design zurück zur Maßschneiderei

Das letzte Mal hatte ich Detlev Diehm bei der Hemdenmanufaktur Reiser in München gesehen. Davor ein paarmal bei Andreas Murkudis in Berlin. In dem coolen Designer-Store ist der Herrenschneidermeister regelmäßig mit Maßband und Stoffmusterbüchern zu Gast. Ich habe Detlev Diehm auch schon in Paris bei einer Trunkshow im Hotel Les Bains getroffen. Das erste Zusammentreffen war Ende der 1990er in Weißenburg in Bayern bei der Anzugmanufaktur Regent, dem „deutschen Brioni“.

Wer einen Schneider kennenlernen will, sollte ihn besuchen. Eine Trunkshow zeigt immer nur einen Ausschnitt. Man trifft den Menschen, sieht seinen Anzug, lernt vielleicht einige seiner Kunden kennen. Das sind Mosaiksteine, kein ganzes Bild. Maßschneider sind sesshafte Menschen. Sie verbringen die meiste Zeit in ihrer Werkstatt. Gute 80 Stunden pro Anzug. Wie eine Wohnung verrät die Werkstatt einem aufmerksamen Beobachter viel. Auch darüber, wie viel der Schneider zu tun hat. Warten halbfertige Kleidungsstücke auf die Anprobe, sieht man Schnittmuster von Kunden, gibt es Mitarbeiter?

Bei Andreas Murkudis in Berlin wirkte Detlev Diehm in seinen handgenähten Zweireihern ein wenig wie ein Besucher aus einer anderen Welt. Dabei ist Detlev Diehm durchaus in der Designermode zu Hause. Nach seiner Schneiderlehre hat er in Mailand Modedesign studiert, war zwei Jahre lang Assistent beim Chefdesigner von Valentino Couture Uomo, Mitglied im Kreativteam von Hugo Boss. Danach 20 Jahre lang Creative Director bei Regent. 2016 ist er zu seinen Anfängen zurückgekehrt, zur Maßschneiderei.

Zwischen Antiquitäten und Stoffmusterbüchern

Das Empfangszimmer liegt im ersten Stock. Die Fenster gehen auf den Garten, der Raum ist lichterfüllt. Die rechte Wand wird fast vollständig von einem Gemälde in schwerem Goldrahmen ausgefüllt. „Ein Münchner Spätimpressionist, der oft Kühe und ländliche Motive gemalt hat“, erklärt Detlev Diehm. Auch hier, wie im Eingangsbereich und im Treppenhaus, Antiquitäten, Gemälde und Orientteppiche. Nur die Stoffmusterbücher, einige Stoffballen, der große Spiegel und das daran aufgehängte Maßband weisen darauf hin, dass hier eine Herrenschneiderei empfängt.

Detlev Diehm bringt Tee und stellt Konfekt auf den kleinen Beistelltisch zwischen den Besuchersesseln. Er erklärt, dass die Möbel aus der Familie stammen. Ich sitze auf einem schlanken Sessel aus Skandinavien, vermutlich aus den 1960ern. Die Einrichtung ist geschmackvoll. Authentisch und auf stilvolle Art gemütlich. Keine Spur von der bei Schneidern so beliebten Clubatmosphäre mit Chesterfield-Sofa und englischen Stilmöbeln.

Im Anzug nach Maß in die Welt

„Die Schneiderlehre war eigentlich nur als Einstieg ins Design geplant“, erzählt der Hausherr. „Trotzdem hatte ich gewissermaßen immer ein Bein im Handwerk“. Und er berichtet, wie er bei seiner Arbeit als Creative Director auf den Stoffmessen in Italien die Eigentümer der alten Webereien in ihren gut eingetragenen Maßanzügen gesehen hat. Ihm wurde damals klar, dass ein Mann eigentlich nur einen guten Maßanzug braucht.

Die Werkstatt: Viele Stunden Handarbeit, tausende Stiche

Die Werkstatt liegt eine Treppe tiefer. Dort arbeitet einer der beiden Schneider, die Detlev Diehm in Vollzeit beschäftigt. Wie der Chef trägt er Anzug und Krawatte. Nach der Ausbildung als Gewandmeister hat er bei zwei namhaften Ateliers in München gearbeitet, bei Diehm ist er nun schon ein paar Jahre. Eine Schneiderin, die ebenfalls für Detlev Diehm näht, arbeitet gerade zu Hause. „Ich bin da flexibel, die Mitarbeiter müssen nicht immer hier sein.“

Auch in der Werkstatt viel Kunst an den Wänden, darunter eine wertvolle Textilarbeit direkt über dem Zuschneidetisch. Der Schneider dämpft gerade ein eben fertiggestelltes Seersuckersakko. Die Knopflöcher sind mit weißem Seidengarn umsäumt, natürlich von Hand. Das Etikett mit dem Logo von Detlev Diehm leuchtet rot auf dem Halbfutter. An der Türklinke hängt eine graue Anzugjacke bereit zur ersten Anprobe, man sieht die Handstiche an den pikierten Revers und dem provisorisch angehefteten Kragen. Auf einer Kleiderstange hängt ein halbes Dutzend Anfertigungen in verschiedenen Stadien der Fertigstellung, z. B. ein Mantel aus Whipcord mit Samtkragen.

„Wir haben gut zu tun“, bestätigt Detlev Diehm. „Fast zu gut“, sagt er schmunzelnd. „Leider müssen die Kunden etwa 6 Monate warten, bis ihre Bestellung fertig ist“. In dringenden Fällen geht es auch schon mal in zwei Monaten, das ist aber die Ausnahme. „Lieber wär es mir, wenn die Kunden die Sachen viel schneller kriegen würden. Leider ist das nicht machbar“. Es gibt kein Durchschnittsalter, die Kunden sind zwischen 30 und Ende Achtzig. „Mein ältester Kunde ist 88, er bestellt immer noch regelmäßig.“ Die Kunden sind nicht alle wohlhabend oder reich, es gibt auch den Studienrat, der sich einmal pro Jahr einen Anzug zusammenspart.

Der Schnitt passend zur Persönlichkeit

Detlev Diehm trägt selbst immer den gleichen, unverkennbaren Stil. Meistens Zweireiher, natürliche Schulter, etwas breitere Revers, die Crochetnaht etwas tiefer. In England und Italien haben die meisten Schneidereien einen Hausstil, ist das auch so bei Detlev Diehm? „Ich spreche mit den Kunden am Anfang sehr ausführlich, damit sie verstehen, was wir hier machen. Ich zwinge niemandem einen Stil auf. Ich kopiere aber auch nicht.“

Einmal kam ein neuer Kunde mit einem Sakko von einer berühmten Savile-Row-Schneiderei zu ihm und zeigte es als Referenz. „Ich habe gesagt, dass ich eine etwas konturiertere Schulter machen kann. Aber ich bleibe nur authentisch, wenn ich das mache, was ich kann.“ Die meisten Kunden kommen aber genau wegen seines Looks zu ihm. „Es spricht sich ja rum, was ich mache. Anscheinend gefällt es vielen. Und wer unsere leichte und weiche Verarbeitung einmal gespürt hat, will in der Regel nicht mehr davon weg.“