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Die Barbourjacke — 
Klischee und Klassiker

Die Barbourjacke ist der beste Beweis dafür, dass Kaufentscheidungen für Kleidung vor allem aus emotionalen Gründen gefällt werden. Denn eine Barbourjacke schützt nur dann wirklich gut gegen Regen, wenn die Wachsschicht frisch ist. Das ist den Fans dieses Klassikers aber gleich, Barbour trägt man aus anderen Gründen.

… besser man erscheint zu einer Abendgesellschaft in Pullover, Jeans und Barbour-Jacke als mit den falschen Schuhen oder mit einem schlecht geschnittenen Smoking.

Als mein Buch „Der Gentleman“ im Februar 1999 erschienen ist, wurde ich von Einzelhändlern und Vertriebsleuten aus der Textilbranche häufig auf die Seiten über die Barbourjacke angesprochen. Diese Wachsjacken seien doch total out, wieso ich denen soviel Platz eingeräumt hätte. Ein anderer sagte, dass Barbour ein Phänomen der Achtziger sei und nicht in so ein Buch gehöre. Es ist tatsächlich verwunderlich, dass es Barbour immer noch gibt. Denn bessere Regen- oder Outdoorjacken gibt es längst. Dennoch sind Barbourjacken nach wie vor beliebt, bei einigen jungen Leuten haben vor allem die alten Modelle fast Kultcharakter. Und das geht quer durch alle Stilrichtungen. Eine Barbourjacke ist längst nicht mehr nur Outfit konservativer Jura- oder BWL-Studenten. Auch Hipster oder Klimaaktivisten tragen „Beaufort“, „Bedale“ oder „Border“ – um die drei berühmtesten Modelle zu nennen.

Im „Gentleman“ habe ich das „Phänomen Barbour“ so erklärt: „Mit einer Barbour-Jacke kauft man nicht nur eine regendichte Jacke, sondern vor allem ein Stück internationaler Lebensart. (…) Diese Jacke gibt Sicherheit, sie schützt vor schlechtem Wetter genauso wie vor der Gefahr, falsch angezogen zu sein. Tatsächlich kann im Zweifel, und wenn es nicht zu warm ist, immer dann zur Barbour-Jacke gegriffen werden, wenn man nicht so recht weiß, was man anziehen soll. So absurd das sein mag, aber besser man erscheint zu einer Abendgesellschaft in Pullover, Jeans und Barbour- Jacke als mit den falschen Schuhen oder mit einem schlecht geschnittenen Smoking.“ Das war natürlich ein extremes Statement, beim Wiederlesen bin ich selbst über die Aktualität der vor über 20 Jahren formulierten Aussage überrascht.

Meine erste Barbourjacke war 1989 die olive „Moorland“ aus schwerem „thornproof“. Sie gefiel mir damals besser als die leichtere Beaufort in der Farbe „sage“, die man damals sehr viel sah. Ich war Ende der 1980er Jahre Student in Hannover und bin für den Kauf der Jacke nach längerem Sparen extra nach Hamburg zu „Smith Traditional“ gefahren, einem kleinen Herrenausstatter am Gänsemarkt. Er war ein Paradies für Anglophile mit Covertcoats, Tweedjacken und Moleskinhosen von Cordings of Piccadilly, Hemden von Turnbull & Asser, rahmengenähten Schuhen von Crockett & Jones – und eben Wachsjacken von Barbour. Ich habe die „Moorland“ mehrere Jahre lang sehr viel getragen, als ich 1997 mit der Arbeit am „Gentleman“ begann, hatte ich sie bereits einmal in England nachwachsen und reparieren lassen. Nach dem Erscheinen des Buchs wurde sie erneut bei Barbour überholt und „reproofed“. Danach bestand sie zum größeren Teil aus Ersatzteilen, auch das Futter war zur Hälfte erneuert worden. Nach vielen weiteren Jahren ist der Stoff inzwischen so abgenutzt, dass eine Reparatur vermutlich keinen Sinn mehr hat. Oder um es mit den Worten eines Freundes zu sagen: „Die würde jetzt nur noch Prince Charles tragen“.

Die Geschichte des Herstellers Barbour habe ich mehrfach in verschiedenen Büchern und Zeitschriftenartikeln erzählt, am ausführlichsten im „Gentleman“. Gegründet wurde das Unternehmen 1894 von John Barbour. Für das Gründungsjahr gibt es anscheinend keine Belege im Firmenarchiv. Es ist auch ungeklärt, wann und wie die ersten Barbour-Jacken hergestellt wurden. John Barbour war damals nicht klar, dass diese Daten irgendwann interessant sein könnten. Der älteste noch existierende Katalog des Hauses stammt aus dem Jahre 1908. Auf der Rückseite prangt eine Anzeige, in der ein Mann mit einem langem Mantel und einem Südwester auf dem Kopf abgebildet ist. Der Text beschreibt den “special light-weight coat” als “ideal […] for yachting, fishing, driving, boating, walking and shooting”. Im Hintergrund ist ein Leuchtturm, das damalige Markenzeichen von Barbour zu sehen, „the famed beacon brand oilskins“. Erst in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts rückte der Name Barbour als Markenzeichen in den Vordergrund.

Die englische Königsfamilie war im 20. Jahrhundert ein wichtiger Werbeträger für Barbour, Bilder von Prince Charles und Prinzessin Diana in Barbourjacken gingen durch die weltweite Klatschpresse. Auch seine pferdebegeisterte Schwester Anne sowie seine Brüder wurden immer wieder in Barbourjacken fotografiert, die Queen und der Duke of Edinburgh ohnehin. Die Bedeutung dieser Werbeträger ist heute geringer, dennoch ist die Barbourjacke nach wie vor Symbol des englisch inspirierten Lebensstils und des englischen Gentleman-Looks. Wer ihn schätzt, kommt nach wie vor nicht ohne Barbour aus. Und da der Gentleman in Sachen Stil Traditionalist ist, stehen die alten Barbourjacken, bei denen der Schriftzug noch nicht auf der Patte der Außentasche prangte, besonders hoch in Kurs.

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