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Passt perfekt und hält ewig? Mythen über Maßkleidung

Maßkleidung ist einfach nur Kleidung, die einzeln angefertigt wird. Oder doch nicht? Es ranken sich viele Legenden um Maßanzüge und Maßkleidung. Wir stellen die häufigsten Mythen vor und gehen ihnen auf den Grund.

Perfekte Passform

Theoretisch passt ein Maßanzug sehr gut. Perfektion ist vermutlich nicht erreichbar, auf jeden Fall aber eine Passform, die den Kunden zu 100 Prozent zufriedenstellt – sofern man das nicht Perfektion nennen will. In der Praxis sieht es aber so aus, dass Maßanzüge oft nicht in jedem Bereich der Passform zu 100 Prozent zufriedenstellen. Es gibt Anzüge, bei denen sitzt die Jacke richtig gut aber die Hosen bekommen nur 8 von 10 möglichen Punkten. Oder die Jacke passt perfekt im Stehen, wenn man aber am Tisch oder im Auto sitzt, kneift sie unter den Armen und spannt am Rücken. Schneider können Wünsche immer nur begrenzt erfüllen. Ein etwas weiterer Schnitt, weiche Verarbeitung und anschmiegsamer Stoff fühlen sich anders an als ein enganliegend geschnittener Anzug aus hartem Tweed. Je genauer man den Schneider brieft, desto größer die Chance, dass der Anzug so sitzt, wie man es sich wünscht. 

Perfekter Look

Bei einem Event habe ich einer Modeeinzelhändlerin erzählt, dass der Anzug, den ich damals trug, 20 Jahre alt ist. Sie sah ihn an und erwiderte in mitleidigem Ton: „Ja, das sieht man“. In ihren Augen war mein Anzug altmodisch. Ich selbst fand diesen Anzug schön, mir ist aber klar, dass andere ihn nicht nur nicht schön finden, es vielmehr sogar nicht fassen könnten, dass dies ein Anzug aus der berühmten Savile Row sein soll. Maßkleidung (und Maßschuhe) haben eine eigene Ästhetik, die sich Menschen, die ihren Geschmack ausschließlich an den wechselnden Trends der Mode bilden, oft nicht erschließt. Die meisten, die Lorenzo Cifonelli in einem seiner Anzüge sehen, würden ihn als gut gekleidet beurteilen. Das liegt daran, dass er als Mann gut aussieht und seine Anzüge auch nach modernen Begriffen attraktiv aussehen. Ich habe neulich ein Bild bei Instagram gesehen, dass die Zuschneider einer berühmten Savile-Row-Scheiderei zeigte, die in ihren Maßanzügen vor ihrem Arbeitsplatz stehen. Ich nehme an, dass der Durchschnittsanzugkäufer die meisten dieser Herren nicht als gut gekleidet einordnen würden. Genauso wenig, wie sich normalen Modekonsumenten erschließt, warum Prince Charles unter vielen „Sartorialisten“ als extrem gut gekleidet gilt. 

Haltbarkeit

Maßkleidung hält ein Leben lang und manchmal sogar noch länger. Man kennt die Geschichten von britischen Adeligen, die im „morning coat“ des Großvaters heiraten oder den Tweedanzug des Vaters tragen. Diese Geschichten sind nicht erfunden. Sie handeln allerdings in aller Regel von Kleidungsstücken, die zu Beginn oder in der Mitte des 20. Jahrhunderts aus schweren Streichgarnstoffen geschneidert worden sind. Wer sich heute einen Geschäftsanzug aus superleichtem Super-180-S-Stoff machen lässt und ihn häufig trägt, wird dieses Teil vermutlich überleben. Die Lebensdauer von Kleidung hängt generell davon ab, wie häufig und wie intensiv sie genutzt wird, ob sie von der Stange ist oder vom Schneider genäht wurde. Natürlich spielt auch die Pflege eine Rolle. Es schadet nicht, wenn man den Anzug nach jedem Tragen auf den Bügel hängt. Außerdem ist es empfehlenswert, Anzüge, Sakkos und vor allem Hosen nicht ohne Unterbrechung jeden Tag zu tragen und nicht zu oft chemisch reinigen zu lassen.

Änderungen

Als einer der Hauptvorteile von Schneideranzügen gilt, dass sie die Figurveränderungen des Kunden mitmachen. Gemeint ist nicht der Fall, dass der Kunde abnimmt, hier ist die Änderung nie ein Problem (wenn auch ästhetisch nicht immer befriedigend). Es geht vielmehr darum, dass der Kunde zunimmt, z. B. durch Krafttraining. Die Potsdamer Herrenschneiderin Kathrin Emmer sagt dazu: „Ich schneide immer noch ca. 2-2,5 cm an den Hosennähten an und am Sakko 2- 4cm Einschlag, je nach Lage der Naht. Das müsste auf jeden Fall für eine Nummer größer ausreichen, wenn es gut läuft sogar für zwei. Meine Erfahrung ist jedoch, dass die Maßanzüge auch ohne Abänderung eine Figurveränderung von +/- 1 Größe gut kaschieren und immer ein bisschen mit dem Träger mitwachsen.“ Die meisten Schneider ändern gern die Kleidungsstücke, die sie irgendwann mal für die Kunden gemacht haben. James Whitfield in Berlin macht das innerhalb des ersten Jahres unentgeltlich. Und danach? „Wenn jemand 10 Jahre später etwas umgearbeitet haben möchte, weil er zugenommen hat, würde ich dafür auf jeden Fall etwas in Rechnung stellen.“

Einzigartigkeit

Maßschneider werben manchmal damit, dass sie Unikate für den Kunden kreieren. Das stimmt in Hinblick auf das Schnittmuster, für jeden Kunden entwirft der Schneider einen eigenen Schnitt. Allerdings lassen sich die wenigsten Kunden beim Schneider wirklich originelle Teile machen, die meisten Kunden bestellen sehr konventionelle Anzüge, Sakkos, Hosen und Mäntel. Was vermutlich damit zu tun hat, dass Schneiderkunden eher einen konservativen Geschmack haben. Was den Stoff betrifft, ist Maßkleidung kein Unikat, denn fast immer wird der Kunde etwas aus vorhandenen Kollektionen aussuchen. Selbst wenn er die letzte Anzuglänge findet, die es von einem Stoff noch gibt, wird es noch mehr Menschen geben, die ebenfalls diesen Stoff tragen. Je kleiner die Weberei, desto geringer jedoch die Wahrscheinlichkeit, dass man „seinen“ Stoff an jemand anders sieht. Wer ein echtes Unikat vom Schneider will, müsste sich von einer Weberei ein eigenes Design entwerfen und weben lassen. Das ist kostspielig, aber durchaus machbar.

Wiederholbarkeit

Wer von der Maßkonfektion zum Herrenschneider wechselt, ist es gewöhnt, dass alle Anzüge, die nach dem ersten geliefert werden, von den Abmessungen her identisch sind. Natürlich sitzen die Anzüge bei jedem Stoff minimal anders, da die Maßkonfektion den Schnitt aber digital speichert, bleibt er gleich. Bis der Kunde etwas anderes möchte oder – das kommt vor – sich das Design des Grundmodells ändert. Einige Maßschneider sind dagegen nicht in der Lage, die Anzüge vom Schnitt her zu reproduzieren. Am besten bekommen es nach meiner Erfahrung deutsche und österreichische Schneider hin, Kathrin Emmer in Potsdam hat z. B. einen Zweireiher, der mir sehr gut gefallen hat, sehr genau reproduziert. In London habe ich es dagegen sehr oft erlebt, dass die Anzüge extrem unterschiedlich ausgefallen sind. Auch andere Schneider legen zwar immer wieder die einmal ermittelten Maße des Kunden zugrunde, zeichnen aber jedesmal einen neuen Schnitt. Bei den Anproben wird der dann optimiert. Das Ergebnis ist dann bei jedem Anzug wirklich „bespoke“, die Anzüge weichen im Detail aber immer von vorherigen ab. 

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