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Geliebt und gehasst: Sandalen

Wenn es um Schuhe geht, die im Gegensatz zum klassischen Stil stehen, werden in aller Regel Flipflops genannt. Konservativen sind sie oft geradezu verhasst, sie sehen in dieser Art von Fußbekleidung ein Symbol für den Niedergang der Bekleidungskultur. Dabei lassen sich mühelos Bilder finden, auf denen verschiedene Stil-Ikonen der 40er bis 70er Jahre stilvoll Flipflops tragen. An zweiter Stelle auf der Liste der als unelegant klassifizierten Schuhe stehen Sandalen. Sie gehören zu den ältesten Schuhformen der Menschheit, im späten 19. Jahrhundert, als die Grundlagen des heute als klassische geltenden Stils gelegt wurden, hatten Sandalen jedoch kein elegantes Image. Sie standen für Lebensreform und Exzentrizität, Erwachsene trugen Sandalen allenfalls in den Sommerferien oder als Bade- oder Strandschuh. Daran hat sich in konservativen Kreisen bis heute nicht viel geändert. 

Als ich Ende der 80er Jahre begann, mich ernsthaft mit Herrenbekleidung zu beschäftigen, war ich überrascht, als ich im Katalog von Tricker’s mehrere Sandalenmodelle fand. Erst viele Jahre später sind mir Sandalen im Zusammenhang mit hochwertiger zeitloser Kleidung wiederbegegnet, als ich in den Musterkollektion einiger Maßschuhmacher Sandalen entdeckte, z. B. bei Materna in Wien. Auch Ludwig Reiter hat immer wieder Sandalen in der Kollektion. Doch wie soll man Sandalen in die klassische Garderobe integrieren? Um diese Frage zu beantworten, muss man definieren, was die klassische Garderobe umfasst. Zum einen die förmliche Kleidung, zum anderen aber auch die lässige Eleganz für das Wochenende und Kleidung für die Freizeit. Zum dunklen Anzug und Krawatte wären Sandalen ein Stilbruch, da der dunkle Anzug für Förmlichkeit steht. Zu einem hellen Leinenanzug, der mit offenem Hemd getragen wird, wären Sandalen durchaus denkbar. Vorausgesetzt, dass die Sandalen vom Modell her passen. Das hängt vom Gesamtlook der Sandalen ab (eher filigran oder derb), den Sohlen (Leder oder Kunststoff, glatt oder mit Profil) und dem Grad der Offenheit oder Geschlossenheit. Sandalenmodelle mit geschlossener Ferse und geschlossener Spitze wirken am förmlichsten, sie können auch mit feinen Strümpfen getragen werden. Sandalen, bei denen die Zehen und die Ferse im Blick sind, sollten nur barfuß getragen werden, sie sind für lässigere Outfits reserviert. 

Der Münchener Schuhmacher Albert Bertl Kreca, bekannt als „Schuh Bertl“, widmet sich über zwanzig Jahren der Sandale, er hat schon zahlreiche Modelle entwickelt. Die Gestaltung folgt oft traditionellen Herstellungsmethoden, wie z. B. bei Sandalen, die aus einem langen Lederriemen bestehen und den Leisten herum geflochten werden. Aktuell finden sich in seinem Sortiment zwei Grundmodelle, die durch verschiedene Farben und Sohlenvarianten zu vielen Bereichen der Sommergarderobe passen. Die rahmengenähte Citysandale gibt es in Honigbraun und Schwarz, mit Ledersohle und mit Gummisohle. In Braun mit Ledersohle passt sie gut zu Anzügen und Kombinationen aus Baumwoll- und Leinenstoffen. In Braun mit Gummisohle wäre sie in der Stadt mit Bermudashorts und Leinenjanker oder einfach nur Shorts und Oberhemd tragbar. Die schwarze Citysandale mit Ledersohle hat in München laut Bertl zahlreiche Fans, die sie mit schwarzen Strümpfe im Sommer zum dunklen Anzug im Büro tragen. Auf den ersten Blick fällt gar nicht auf, dass es sich um Sandalen handelt. Die zwiegenähte Haferlsandale passt am besten zum Freizeitlook, z. B. barfuß getragen mit Shorts und Polohemd oder auch mit Chinos und Safarijacke. In Bayern oder Österreich passt sie natürlich auch gut zur Lederhose. Oder einfach mit Jeans und kragenlosem Leinenhemd.

  1. Lieber Herr Roetzel,

    herzlichen Dank für diesen Beitrag – auch dafür, dass Sie in dem Zusammenhang nicht gleich auch die Presskorktreter aus der Pfalz auf das Podest klassischer Herrengarderobe gehoben haben.

    Ein Plädoyer für die Sandale – das mag in manchen Ohren, und ich nehme mich hier nicht aus, durchaus provokant klingen. Bei Flechtleder und perforierten Schäften gehe ich im Zweifel noch mit, aber die Luxus-Adilette kommt mir dann doch nicht ins Büro. Immerhin lassen die Bertlschen Modelle ein wenig von der Eleganz guten Schuhwerks erahnen, zumal sie ins bewährte Sortiment des gehobenen Freizeitschuhs passen.

    Beachwear bleibt natürlich eine Herausforderung, aber ein Paar handgemachter Espadrilles aus Palma kosten auch nicht viel mehr als die obligatorischen FlipFlops. Damit kann man sich dann ebenso gut der Plage de Pampelonne wie am niederbayerischen Dorfweiher sehen lassen.

    Mein Fazit zur Sandale (in Anlehnung an Alan Flusser): „foot indecorum“.

    1. In dem Artikel habe ich nicht streng zwischen Sandale und „Schnallenschuh mit mehr oder weniger stark perforiertem Schaft“ unterschieden. Birkenstocksandalen schätze ich für viele Zwecke, zu diesem Thema gibt es derzeit allerdings kein passendes Modell.

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