Die Beaufort von Barbour. Ein aktuelles Modell im Test

Vintage oder aktuelle Kollektion? Fans der berühmtesten englischen Wachsjacke scheinen sich in zwei Lager zu spalten. Die einen schwören auf die alten Modelle, die noch nicht das Logo auf der Patte tragen. Die anderen kaufen und tragen unbekümmert die klassischen Modelle in der jeweils aktuellsten Ausführung.

Ich habe meine erste Barbourjacke 1989 gekauft. Es war das Modell „Moorland“ aus „heavy thornproof“. Dieses Modell ist vom Schnitt her identisch mit der Beaufort, der wohl berühmtesten Jacke von Barbour. Ich habe mich damals für die Moorland entschieden, weil mir die Farbe besser gefiel. Die Moorland war oliv, die Beaufort gab es damals nur in „sage“ (= Salbei). Und die Moorland war wesentlich seltener zu sehen.

Meine Moorland Jacke habe ich extrem viel getragen, nach 10 Jahren war die erste Renovierung fällig. Ich habe sie 1999 nach England geschickt, im Werk wurde sie an mehreren Stellen geflickt und neu gewachst. Ein paar Jahr später war der zweite Kuraufenthalt in England fällig. Inzwischen ist die Jacke wieder an mehreren Stellen eingerissen und ich werde sie demnächst erneut reparieren lassen. Bilder der Jacke im heutigen Zustand sind hier zu sehen

Ich besitze außerdem die kürzere Bedale in Blau und eine grüne Border, beide noch aus der alten Ära mit dem damals üblichen Futter und ohne Logostickerei auf der Patte. Jeden Winter bedauere ich, dass ich mir damals nicht die schwere Northumbria mit Wollfutter gekauft habe. Vor allem, wenn ich Freunde treffe, die sie besitzen. Bei Ebay ist dieses Modell schwer zu bekommen. Immer wieder lande ich bei der Suche dann auf der Seite von Barbour oder bei anderen Shops, ich habe aber nie ernsthaft erwogen, das aktuelle Modell zu kaufen. Hauptgrund ist der sichtbare Schriftzug an der Patte, außerdem das Vorurteil, dass die alten Jacken besser sind. 

In meinem Freundeskreis sind beide Gruppen von Barbourjackenträgern vertreten. Vor allem Altersgenossen schwören auf die alten Modelle, sie tragen im Wechsel die Jacken aus ihrer Studentenzeit und Ebay-Funde aus der gleichen Epoche. Nur ein einziger Freund und Altersgenosse von mir hat in den letzten 30 Jahren immer auch die jeweils aktuellen Modelle gekauft. Als ich neulich bei Ebay wieder einmal vergeblich nach einer gut erhaltenen und bezahlbaren Northumbria gesucht hatte, sprach ich ihn auf die neuen Jacken an. Dieses Gespräch war der Anstoß, mir bei der PR-Agentur von Barbour die aktuelle Classic Beaufort für einen Tragetest auszuleihen. Ein Gespräch mit dem besagten Freund und ein Portrait seiner Barbourjacken-Sammlung werden wir im Spätsommer veröffentlichen.

Als ich das Paket mit der Jacke ausgepackt habe, habe ich sofort an der Jacke gerochen. Und tatsächlich, kein Geruch.

Durch das Recherche-Gespräch mit meinem Freund hatte ich den Unterschied zwischen der Beaufort und der Classic Beaufort verstanden. Bei der Beaufort fasst sich der gewachste Oberstoff etwas rauer an, bei der Classic Beaufort wird dagegen die weichere Sylkoil-Qualität verwendet. Sie soll dem Stoff entsprechen, der ursprünglich bei Barbour eingesetzt wurde, daher der Beiname „Classic“ bei diesem Beaufort-Modell. Und auch auf etwas anderes hatte er mich vorbereitet: Die Jacken von heute riechen nicht mehr nach Wachs. Genaugenommen riechen sie nach gar nichts. Für die einen ist das ein Vorteil, für viele Freunde der alten Barbourmodelle dagegen ein Nachteil. Als ich das Paket mit der Jacke ausgepackt habe, habe ich sofort an der Jacke gerochen. Und tatsächlich, kein Geruch. Das erspart sicherlich einige Diskussionen mit Lebenspartnern und Familienmitgliedern, ich mag den Geruch der alten Barbourjacken allerdings sehr. Ein Ausschlusskriterium für eine neue Jacke wäre das Fehlen des vertrauten Aromas für mich allerdings nicht. 


Als nächstes fiel bei der neuen Jacke auf, dass die Druckknöpfe nicht mehr messingfarben sind. Ich habe deswegen nicht bei Barbour nachgefragt, den Grund dafür kenne ich also nicht. Fast alle Gürtel stammen aus England und sie haben Messingschließen, die alte Druckknöpfe passten also gut. Vielleicht hat Barbour sich an die gängigen Gürtelschließen angepasst. Ansonsten fiel mir noch das winzige, quaderförmige Kunststoffanhängsel am Reißverschluss der „Sicherheitstasche“ auf. Ich weiß nicht, welche Lebensdauer es hat, ich könnte mir vorstellen, dass es nach 10 oder 20 Jahren brüchig wird oder abbricht. Dafür ist der Zweiwegereißverschluss, mit dem die Beaufort geschlossen wird, exakt so wie früher. Der große Ring ist auch mit Handschuhen sicher zu erfassen, der Reißverschluss wirkt solide. Das Label an der Innenseite ist anders gestaltet und auch das karierte Innenfutter sieht anders aus. Der Futterstoff hat mich nicht überrascht, da ich es seit vielen Jahren vom Sehen kenne. Die Passform der Beaufort scheint identisch mit der älterer Jacken zu sein, in Größe 40 sitzt sie bei mir gut locker über einem Hemd oder Hemd und Pullover. Auch über Anzugjacke oder Tweedsakko passt sie gut. Sie fällt lang genug aus, um die Anzugjacke vollständig zu bedecken. Der Kordstoff am Kragen wirkt hochwertig. 

Der eingestickte Schriftzug an der Patte der Außentasche stört mich nach wie vor, ich empfinde ihn als wenig diskret und auch als Widerspruch zum „Understatement“, das man dieser Jacke ausdrücken will. Ich habe das Wort in Anführungsstriche gesetzt, weil es natürlich zweifelhaft ist, ob eine Jacke, die so bekannt ist, Understatement ausdrücken kann. Wer die Jacken kennt und weiß, wofür sie stehen, erkennt sie ohnehin. Wenn jemandem die Marke nichts sagt, hilft auch der Schriftzug nicht. Insofern ist er meines Erachtens überflüssig. Allerdings würde ich mich nach dem Gesamteindruck, den ich von der Jacke in der aktuellen Ausführung gewonnen habe, nicht durch den eingestickten Namenszug vom Kauf abschrecken lassen. Zumal eine neue, ungetragene Barbourjacke immer schon wenig Charakter hatte. Und vor 30 Jahren war es auch schon so, dass einige Träger der Jacke sofort die Anstecknadel vom Kragen entfernt und in die Schublade gelegt haben, andere liefen dagegen immer mit ihr herum.

Ob man aus Nostalgie auf den Kauf einer neuen Barbourjacke verzichtet, bleibt jedem selbst überlassen. Man muss sich einfach fragen, ob es stilvoller ist, eine gebrauchte Jacke mit den Lebensspuren eines anderen tragen. Oder sich eine neue zuzulegen und sie so lange zu tragen, bis sie den gewünschten Grad der Abnutzung erreicht hat. In ganz seltenen Fällen kommt es vor, dass man heute noch ein altes aber fabrikneues Modell findet. Dies ist ein Glücksfall, der außer Konkurrenz.

Man muss sich einfach fragen, ob es stilvoller ist, eine gebrauchte Jacke mit den Lebensspuren eines anderen tragen.

Und die Frage aufwirft, ob der Stoff nach 30 Jahren Lagerung in irgendeiner Form gelitten haben könnte. Ich sehe hier eine Analogie zu Autos. Der eine würde nie einen neuen Range Rover fahren und fährt deshalb eine andere Marke. Ein anderen kauft sich bewusst einen alten Range Rover. Wieder ein anderer fährt den Range Rover immer weiter, den er sich vor 30 Jahren neu gekauft hat. Und ein Vierter hat alte und neue Modelle in der Garage stehen und nutzt mal das eine, mal das andere. Ich denke, dass alles erlaubt ist und alles gleich stilvoll. 

  1. Sehr geehrter Herr Roetzel,
    Ein sehr interessanter Artikel. Ich habe als Kind eine solche Jacke second hand bekommen und getragen. Diesen Herbst soll die Geschichte nun vorgesetzt werden. Man hört immer wieder, daß die aktuelle Qualität nicht mit der alten mithalten könne. Ich denke allerdings, daß man nach wie vor ein Qualitätsproduckt bekommt.

    Herzliche Grüße

    1. Sehr geehrter Herr Baake-Sudhoff,

      mein Eindruck von der aktuellen Jacke war sehr gut. Es ist schwer, ihn objektiv mit dem Eindruck zu vergleichen, den ich 1989 von meiner ersten Barbour-Jacke hatte. Bei einem Produkt wie diesem kommt es vor allem auf die Langlebigkeit an, die sich leider erst in 10 oder 20 Jahren zeigen wird.

      Viele Grüße

      Bernhard Roetzel

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