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Hosenmodelle —
Die Freuden der Wahlfreiheit

Nach über 20 Jahren habe ich erstmals wieder Anzüge bestellt, bei denen die Hosen mit Gürtelschlaufen ausgestattet sind. Um zu erzählen, wie es dazu gekommen ist, muss ich weit ausholen.

Seit ich mich für klassische Herrenkleidung interessiere, schwanke ich beim Schnitt der Hosen zwischen zwei Extremen: Den schmalen, kurz getragenen und den weiteren Hosen mit Bundfalten. Das betrifft Anzughosen, Hosen zur Kombination mit Sakkos und Blazern genauso wie meine Hosen für den Casual-Look.

Erste Anprobe meiner Hosen mit „flatfront“ und Gürtelschlaufen bei Salon Hartl 2019 in Prag.

Ende der Achtziger habe ich in Hannover studiert. Damals gab es dort mehrere Herrenausstatter, herausragend waren Heinrich’s Herrenmoden und H. B. Möller. Beide Geschäfte gehörten in Deutschland zur Spitze bei den inhabergeführten Ausstat­­­­tern. Bei Heinrich’s hat Michael Jondral gelernt, er war dort später Geschäftsführer und Partner. H. B. Möller heißt heute Möller & Möller, der Sohn von Herbert Möller hat inzwischen in Hannover das Geschäft Micks Hannover eröffnet. Die Inhaber beider Ausstatter trugen damals stets sehr schmale und kurze Hosen, meistens kombiniert mit einem Sakko oder Blazer. Michael Jondral ist diesem Look bis heute ansatzweise treu geblieben, auch wenn er die Hosen nicht mehr ganz so kurz trägt. Herbert Möller ist dagegen exakt bei der Silhouette von damals geblieben.

Mir gefiel dieser Look sehr gut, da er viel smarter aussah, als die eher weiter Hosen der damaligen Mainstreammode. Trotzdem habe ich diesen Stil nicht für mich übernommen. Ich habe in dieser Zeit sehr am englischen Stil orientiert. Der bot damals drei Grundschnitte. Die Hosen der meisten Anzüge waren eher hüftig geschnitten, Bundfalten waren die Ausnahme oder fielen klein aus. Anzughosen waren grundsätzlich auf Gürtel ausgelegt, wirklich niemand trug Hosenträger mit Lederschlaufen für Knöpfe. Die Anzüge von Chester Barrie oder Austin Reed hatten meistens solche Hosen. Vielleicht haben die auf Export ausgerichteten Marken ihre Hosen so geschnitten, um dem Geschmack in Europa und den USA zu entsprechen. Das war der erste Schnitt.

Nur wenige Ausstatter, z. B. Hackett oder Cordings, boten damals höher geschnittene Anzughosen an, die dafür ausgestattet waren, dass sie an Hosenträgern aufgehängt wurden. Diese Hosenrichtung war inspiriert durch die Schneiderhose der 30er bis 50er Jahre, allerdings wesentlich schlanker im Bein. Der Look der Schneiderhose wurde komplettiert durch „forward pleats“, einen Hosenschlitz mit Knöpfen und Seitenschnallen. Solche Hosen trugen Fans des Sloane-Ranger-Stils bei ihren Anzügen, sie waren geradezu die Uniform bei den Verkäufern in den Läden, Schneidereien und Schuhgeschäften von St. James’s. Das war der zweite Schnitt.

Der dritte Schnitt war für den smarten Casual-Look reserviert, man fand ihn typischerweise bei den Moleskin- oder Kordhosen von Cording’s, Hackett oder Ede & Ravenscroft. Diese Hosen gab es mit verstellbarem Bund, meistens mit Elastikeinsatz und Knöpfen und je einer „forward pleat“ pro Hosenbein. Oder mit „flat front“ und Gürtelschlaufen. Für den Sommer gab es die Variante drei auch aus kräftigen Baumwolltwill.

Es war in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern praktisch unmöglich Anzughosen mit „forward pleats“, breitem Bund, Hosenträgerknöpfen und Knöpfen am Hosenschlitz von der Stange zu kaufen. Amerikanische Ausstatter boten zwar auch für Hosenträger zugeschnittene Hosen an, häufig mit hohem Bund, meistens allerdings mit „reversed pleats“ oder „flat front“. Das Bein dieser Hosen war meistens sehr weit geschnitten, am Gesäß boten sie viel zu viel Raum für europäische Figuren. Es gab damals einen großen und sehr schönen Laden von Polo Ralph Lauren in Hannover, dort konnte man bei den Anzügen diese Art von Hosen sehen, die sehr an den Stil der 1940er erinnerten.

Maßhosen mit „reversed pleats“ von Sartoria Diletto in Mailand, fotografiert von Erill Fritz bei der Anprobe in Berlin.

Hackett oder Cordings waren damals die einzigen Marken, die für deutsche Kunden relativ gut verfügbar waren, da sie beide per Mail-Order verkauften (damals natürlich noch per Katalog). In Deutschland gab es mit Brummer in der Tauentzienstraße nur ein einziges Geschäft, in dem man Teile der Hackett-Kollektion kaufen konnte. Moleskin- und Kordhosen von Cordings waren in Hamburg bei Smith Traditional am Gänsemarkt zu haben. Ansonsten hatte EdMeier München damals schon Hosen diesen Stils im Sortiment. Wer an diesen Adressen nicht fündig wurde oder dort nicht kaufen wollte, musste zum Hosenkauf nach London zu fahren (oder Paris, denn „Old England“ gab es damals noch). Ich kaufte mir dort zwischen 1988 und 1992 Hosen überwiegend bei Cordings, einige von ihnen tauchten später als Requisiten in meinem Buch „Der Gentleman“ auf. Meine wichtigsten Hosen waren neben einigen schmal geschnittenen Kord- und Moleskinhosen eine Hose von Cordings aus sehr schweren Cavalrytill mit „flatfront“, Seitenschnallen und sportlicher Kappnaht an der äußeren Hosennaht. Und zum Kombinieren mit Sakkos und Blazer eine dunkelgraue Freskohose mit „forward pleats“, Seitenschnallen, Knöpfen im Bund für die Hosenträgern und am Hosenschlitz, ebenfalls von Cordings. Auch sie ist auf einigen Bilder in der Urfassung von „Der Gentleman“ zu sehen.

In der wärmeren Jahreszeit trug ich als Casualhosen meistens amerikanische Chinos mit Bundfalten, oftmals aus Secondhädenläden. Außerdem besaß ich Paar ziegelrote Baumwollhosen von Cordings mit kleinen „forward pleats“ und Gürtelschlaufen. Ansonsten griff ich damals gern zur 501 von Levi’s, vorzugsweise „Made in USA“. Die bekam man ebenfalls in bestimmten Secondhandläden, mit etwas Glück noch kaum verwaschen, ansonsten musste man sie sich von Freunden aus den USA mitbringen lassen. Der Charme der 501 lag für mich in ihrem schmalen Schnitt. Ich trug sie damals sehr kurz.

Schmal geschnittene Hosen eine Konfektionsanzugs von Gabo Napoli. Ich trage sie mit Gürtel, die Passform ist exzellent.

Ich habe mich damals oft gefragt, warum mir bei Anzughosen andere Schnitte gefallen als bei der Casualkleidung. Das hat meines Erachtens vor allem mit überkommenen „Sehgewohnheiten“ auf Kleidung zu. Der Anzug war schon in den 1980ern kein Alltagsoutfit mehr, vielmehr reserviert als Businessoutfit für bestimmten Branchen und für festliche Anlässe. Dadurch hat sich beim Anzug eine andere Ästhetik konserviert, vor allem im Bereich der klassischen Bekleidung. Enge Hosen, wie man sie seit den 1960ern vermehrt in der Freizeit getragen hat, galten beim Anzug noch als unpassend. Anzughosen mussten die Kontur der Beine verwischen, der Körper sollte verhüllt sein. Obwohl mir das bewusst war, haben mich die unterschiedlichen Maßstäbe, die an den Hosenschnitt angelegt wurden, gestört. Deshalb habe ich mir 2003 von John Coggin zu einem einreihigen Anzug Hosen machen lassen, die exakt auf dem Schnitt meiner damaligen Levi’s 501 beruhte. Bei der Anprobe zeigte sich, dass der Bund für meinen Geschmack dann viel zu niedrig saß. Die Beinweite gefiel mir aber gut. So entstand eine relativ niedrig sitzende Hose eher schmalem Bein.  

In den letzten Jahren hat der von mir seit ca. 1990 bevorzugte Anzughosenschnitt mit hohem Bund und „forward pleats“ eine große Renaissance erlebt, man kann heute nicht seinen Instagram-Feed öffnen, ohne dutzendfach damit konfrontiert zu werden. Ich will damit nicht sagen, dass ich den Schnitt nicht mehr mag, weil er jetzt so beliebt ist. Im Herbst des letzten Jahres habe ich mir von Massura Sartoria ein Paar Hosen machen lassen, die in kleinen Details von meinen englischen Maßhosen abweicht, von der Passform und der Verarbeitung her aber geradezu die Quintessenz dieses Looks darstellt.

Moritz Kossytorz betreibt die Massura Sartoria von München aus, seine Werkstatt liegt in Neapel. Das Maßnehmen und die Anproben finden beim Kunden statt. Als Stoff hatte mir schwerer grüner Cavalrytwill vorgeschwebt, Moritz Kossytorz schlug eine Ware von Dugdale Bros. vor. Sie erwies sich als hervorragende Wahl, der Stoff fällt wunderbar und trägt sich trotz des Gewichts sehr angenehm. Bei den Bundfalten haben wir uns nach der ersten Anproben für die bei mir eher seltenen „reversed pleats“ entschieden, die bei dem von Moritz Kossytorz gemachten Schnitt äußerst elegant aussehen. Diese Hose ist eine der wenigen in diesem Schnitt, die auch ohne Bundfalten sehr gut sitzen.

Trotz aller Vorteile und ihres stilistischen Reizes haben Hosenträger gewisse Nachteile, vor allem hinsichtlich der Bequemlichkeit. Das gilt vor allem bei Anzügen mit Weste. Ein Bekannter, der seine Anzughosen auch mit Hosenträger trägt, knöpft sie auf der Toilette jedes Mal ab und dann wieder an. Das mache ich nicht, es ist aber schon sehr umständlich, immer die Weste ausziehen zu müssen. Außerdem verzieht sich das Hemd unter den Hosenträgern und unter sehr leichten Sommeranzugjacken tragen sie auf oder schimmern durch. Deshalb hatte ich schon länger vorgehabt, mir einen Anzug mit anders geschnittenen Hosen zu bestellen.

Die Premiere war der Anzug aus Cheviot-Tweed von Salon Hartl in Prag. Nachdem ich den Stoff gefunden hatte, fiel mir dazu sofort das Modell ein. Ich skizzierte es mit Bleistift auf ein kleines Stück Papier. Ich wollte erstmals seit langem die Jacke wieder mit drei Knöpfen und mit Patte an der Brusttasche. Die Hosen mit Gürtelschlaufen, mit Quertaschen und dementsprechend ohne Bundfalten. Kurz darauf habe ich bei Massimo Pasinato einen Maßkonfektionsanzug von seinem MTM-Label „Made To Max“ geordert, die Hosen ebenfalls mit Gürtelschlaufen und ohne Bundfalten. Sie sitzen allerdings etwas niedriger als die Hosen aus Prag. Und als dritte Hose mit Gürtelschlaufen ist derzeit ein Anzug aus hellem Glencheck-Stoff bei Sartoria Pasinato in Arbeit. Hier bekommen die Hosen Bundfalten aber eben auch Gürtelschlaufen. Bundfalten haben den praktischen Vorteil, dass der Tascheninhalt nicht aufträgt, z. B. ein Schlüsselbund. Ich bin gespannt auf die Anprobe dieses Hosenschnitts.

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