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Vornehm wie ein Lord — Mein Wiener Blazer von Possanner

Der doppelreihige Blazer ist unentbehrlich für die klassische Garderobe. Allerdings sollte er mit Bedacht gekauft, kombiniert und getragen werden. Der klassische Marineblazer wird aus nicht zu leichtem, unempfindlichem Wollstoff geschneidert. Typische Qualitäten sind Serge, Hopsack, Twill, Gabardine oder Fresko. Auch Cavalrytwill passt zur militärischen Herkunft des Blazers. Weniger passend dazu wären Flanell oder sehr feine und leichte Kammgarnstoffe.

Schon als Student habe ich mir erste Blazer gekauft, meistens in Second-Hand-Läden. Ich erinnere mich an einen Blazer, den ich in London gefunden habe. Ich glaube, er war von Austin Reed. Mein erster neuer Blazer war aus dunkelblauem Hopsack, genäht von Chester Barrie, erworben bei Flüss & Fischer in Köln. Kurz danach habe ich 1998 bei Heinz-Josef Radermacher in Düsseldorf meinen ersten Bespoke-Blazer bestellt. Der Stoff stammte von Scabal, der Blazer war mit weinroter Bemberg-Seide gefüttert, die mattierten, flachen Goldknöpfe haben wir aus dem Sortiment von London Badge & Button Company gewählt. 

In London, Italien oder Frankreich habe ich nie einen Marineblazer bestellt. Ich hatte zwar Ende der 1990 Jahre immer mal wieder überlegt, mir einen Serge-Blazer bei Tobias Tailors of Savile Row machen zu lassen, es kam aber nie zu dieser Bestellung. Erst 2016 bekam ich wieder Lust auf einen doppelreihigen Blazer nach Maß. Ich hatte mich entschieden, den Wiener Maßschneider Michael Possanner auszuprobieren und überlegt, was ich als bestellen sollte. Sportsakko, Anzug, Mantel? Ich glaube, es war Michael Possanner, der den Blazer ins Spiel brachte. Er hatte auch gleich den passenden Stoff dazu, eine mittelschwere Ware von 340/ 370 g (12 Unzen) aus dem Eskdale Bunch von Minnis in England mit der Nr. 7361 in der Farbe „French Navy“. 

Die Idee gefiel mir gut, da ein Blazer von Possanner grundlegend anders ausfallen würde, als mein Blazer von Radermacher. Radermacher liebt eine betonte, eher eckige Schulter. Possanner schneidet dagegen eine sehr runde Schulter und sie wird bei ihm extrem weich und leicht ausgearbeitet. Das hatte ich bei seinen Kunden gesehen und von ihm gehört. Wie leicht und weich, das hatte ich noch nicht bei einem für mich gemachten Teil gespürt, bei der ersten Anprobe merkte ich sofort, dass er nicht zu viel versprochen hatte. Auch bei der Modellform hat Possanner einen eigenen Stil. Auf sein Anraten hin haben wir uns für drei aufgesetzte Taschen zuzüglich aufgesetzter Billettasche entschieden. Letztere findet man auch bei italienischen Schneidern, Possanner positioniert sie allerdings anders. Insgesamt ist die Possanner-Linie sehr unverwechselbar. Die Schultern sehr rund, tiefe Crochetnaht und ein insgesamt eher längerer Rock. Dazu eine weiche Leineneinlage, was in einem sehr angenehmen Tragegefühl resultiert. Das ist ein Look, der nicht jedem gefällt. Ich empfinde ihn als sehr vornehm und zurückhaltend, es ist ein aristokratischer Look von „old money“. Ein Teil von Possanner trägt nicht seinen Besitzer, es wird vom Besitzer getragen. Es drängt sich also nicht in den Vordergrund, wie manche Kleidungsstücke von italienischen Schneidern. 

Erste Anprobe des Blazers im Salon Possaner in Wien. Gut erkennbar die Verarbeitung der Schulter ohne Polster.

Knöpfe mussten wir übrigens nicht aussuchen, die hatte ich schon. Vor etwa 20 Jahren hatte ich bei Ed.Meier München einen Satz Blazerknöpfe aus Sterling-Silber gefunden, nun sollten sie endlich einen würdigen Platz finden. Nach der zweiten Anprobe sah ich sie am fertigen Blazer wieder. Michael Possanner hatte sie kunstgerecht im Stoff versenkt. Er ist der erste Maßschneider, den ich nach meiner Zeit bei Tobias Tailors getroffen habe, der den Stiel der Blazerknöpfe durch ein Loch im Oberstoff hindurchzieht und an der Rückseite verankert. Dadurch liegt das blinde Knopfpaar flach an und kippt nicht um, ein sehr wichtiges Detail beim Blazer. 

Die Bilder stammen von Jan Hemmerich, mit Ausnahme des Bildes im Atelier von Michael Possanner, das von Gregor Semrad aufgenommen wurde, und den Bildern am Ende des Artikels, die Martin Smolka für Der Feine Herr fotografiert hat.

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