Shoedoc. Reparieren statt konsumieren

Matthias Vickermann und Martin Stoya wollen mit ihrem Reparaturservice per Versand den Menschen helfen, Schuhe neu wertzuschätzen. Wir haben sie in Baden-Baden besucht.

Die Maßschuhmacher Vickermann & Stoya haben in ihrer Werkstatt immer schon Reparaturen angeboten. Denn Schuhe liegen ihnen am Herzen, auch wenn sie nicht von Hand gemacht und nach Maß gearbeitet sind. Schon als ich die Werkstatt vor rund 10 Jahren das erste Mal besucht habe, lagen dort viele Reparaturaufträge in den Regalen.

Matthias Vickermann erklärte mir damals den Grund: „Wir bauen auf diese Weise Schwellenängste ab vor unserer Maßschuhmacherei. Und nicht selten bestellen Leute, die ein paar Mal wegen Reparaturen hier waren, irgendwann auch ein Paar Maßschuhe. Das freut uns dann natürlich, darum geht es uns aber nicht primär.“ 

Im letzten Jahr haben Matthias Vickermann und Martin Stoya beschlossen, die Reparatursparte von der Maßschuhmacherei abzutrennen und unter dem Namen Shoedoc zu etablieren. „Die Idee dazu kam, als die Reparaturanfragen in unserem Kerngeschäft immer häufiger wurden. Oft kam dann auch die Frage auf, ob die Schuhe zugesandt werden können. Da die Anfrage stetig wuchs, war es an der Zeit, ein eigenständiges Geschäftsmodell in größeren Dimensionen zu gründen.“, erinnert sich Matthias Vickermann. Wir sitzen auf den Ledersesseln der Maßschuhmacherei, auf denen die Kunden sonst Platz nehmen, wenn sie ihre Füße vermessen lassen. Matthias Vickermann holt Wasser und Kaffee.

„Wir bauen auf diese Weise Schwellenängste ab vor unserer Maßschuhmacherei. Und nicht selten bestellen Leute, die ein paar Mal wegen Reparaturen hier waren, irgendwann auch ein Paar Maßschuhe. Das freut uns dann natürlich, darum geht es uns aber nicht primär.“ 

Er setzt sich, nippt an der Tasse und erzählt dann weiter: „Wir haben das nachhaltige Konzept von Shoedoc zwei Jahre lang entwickelt, um unseren Service auch im Internet anbieten zu können. Rechtlich ist das nicht ganz einfach, da ein Reparaturauftrag ein Werkvertrag ist, also kein normaler Online-Kauf. Wir sind aber immer äußerst kulant, falls ein Kunde nicht zufrieden ist. Das kommt aber sehr selten vor.“

Wer rahmengenähte Schuhe oder gar Maßschuhe trägt, wird in aller Regel all bereit sein, etwas mehr Geld für Reparaturen ausgeben. Aber was ist mit günstigeren Schuhen. Werden die auch einschickt? „Wir kommunizieren, dass wir nicht nur Maßschuhe reparieren, sondern auch Konfektionsschuhe. Grundsätzlich können alle Schuhe repariert werden. Allerdings sind manche Reparaturen so aufwändig, dass sie den materiellen Wert des Schuhs übersteigen.“ Martin Stoya hört unser Gespräch in der Werkstatt nebenan mit, er arbeitet gerade an einer Sohlenreparatur. Er meldet sich von drüben zu Wort: „Wir finden fast immer gemeinsam mit dem Kunden eine Lösung und lehnen selten eine Reparatur ab.“ Am häufigsten repariert Shoedoc Absätze und Sohlen, häufig fallen auch Komplettreparaturen an. „Viele Kunden haben Probleme, einen Schuhmacher zu finden, der sich mit rahmengenähtem Schuhwerk auskennt,“ erklärt Matthias Vickermann. „Ein Großteil der Bevölkerung besitzt keine rahmengenähte Schuhe. Trotzdem liegt der Anteil an rahmengenähten Schuhen verschiedenster Marken weltweit bei knapp über 25%.“

Einige Hersteller rahmengenähter Schuhe bieten einen Reparaturservice für Absätze und Sohlen an, z. B. Crockett & Jones. Für den Kunden stellt sich die Frage, warum er seine Schuhe stattdessen zu Shoedoc schicken soll. „Wir bieten einen schnellen, effizienten und unkomplizierten Service an“, erklärt Matthias Vickermann. „Von der Bearbeitung einer Komplettreparatur zum Versand der Schuhe dauert der Prozess etwa 7 Werktage. Die Bestellung kann von überall und zu jeder Uhrzeit gebucht werden. Wir haben eine einfach strukturierte Website erstellt, über die der Prozess der Bestellung ganz einfach durchgeführt werden kann. Daneben achten wir auch auf das Preis-Leistungs-Verhältnis.“ Matthias Vickermann nimmt ein Paar englische Schuhe zur Hand und zeigt die erneuerte Sohle: „Unsere Kunden können sich sicher sein, dass Ihre Schuhe mit hochwertigen Materialien, zum Beispiel altgrubengegerbten Ledersohlen der Firma Rendenbach, repariert oder aufgearbeitet werden. Da die Schuhe in Deutschland repariert werden, ist der Prozess und das Versenden sowie Empfangen der Schuhe viel angenehmer, da die Schuhe innerhalb der EU versandt werden. Somit ist auch die Gefahr geringer, dass etwas im Prozess schieflaufen kann.“

Wir gehen in die Werkstatt zu Martin Stoya hinüber. Es war höchste Zeit für Reparatur, die Ledersohle hatte schon ein Loch. Die Sohlennaht wurde mit einem Messer aufgeschnitten, nachdem der Absatz entfernt worden war. Jetzt wird gerade eine neue Zwischensohle aufgedoppelt. Martin Stoya macht das mit einer alten Nähmaschine, die er behutsam mit einem Handrad in Bewegung setzt. Auf die angenähte Zwischensohle wird anschließend die Lederlaufsohle von Rendenbach geklebt. Martin Stoya zeigt bei einem anderen Paar das Ergebnis. „Je früher die Reparatur gemacht wird, desto besser. Rahmengenähte Schuhe können wir fast in jedem Fall reparieren. Notfalls gibt es eben auch noch eine neue Einballung und einen neuen Rahmen.“ 

Neben Martin Stoya steht ein Regal mit Schuhen, die auf die Reparatur warten. Das sieht nach einer guten Auftragslage aus. Wir fragen Matthias Vickermann, wie sich die Pandemie auf das Geschäft von Shoedoc ausgewirkt hat. „In unserem Geschäft in Baden-Baden fiel die Anfrage an Reparaturen gering aus. Durch die Aufträge bei Shoedoc konnten wir das um ein Vielfaches ausgleichen. In den letzten Jahren haben immer mehr Schuhmacher ihren Geschäftsbetrieb eingestellt. Dieser Beruf ist stark zurückgegangen und viele Städte besitzen keinen Schuhmacher mehr. Im Internet konnten unsere Kunden ganz einfach auf uns stoßen, da wir versuchen auf allen Plattformen möglichst präsent zu sein.“ Martin Stoya nimmt einen Karton aus dem Regal: „Wir wollen unseren Kunden das Leben erleichtern. Wenn sie keinen Karton zur Hand haben, können sie unseren Service der Shoedoc-Box nutzen.“ Matthias Vickermann öffnet die Box und holt ein Paar Schuhe heraus, das seinem Besitzer offensichtlich schon lange gedient hat. „Viele Menschen wollen heute etwas für die Umwelt tun und bewusster konsumieren. Dadurch lernen sie, ihre Schuhe neu wertzuschätzen.“

  1. Guten Tag Herr Roetzel,

    Sehr guter Artikel und die Vorstellung einer guten Geschäftsidee. Ich würde sie sicherlich auch in Anspruch nehmen, habe aber das große Glück, bei mir „um die Ecke“ einen hervorragenden Fachmann beheimatet zu haben (als ehemaliger Krefelder kennen Sie evtl. Reitsport Kempkens). In den letzten Monaten habe ich einige meiner alten Schuhe hier reparieren und ausbessern lassen und es ist faszinierend, was ein guter Handwerker aus einem alten Schuh von der Stange alles machen kann. Ich habe einen zehn Jahre alten Chukka Boot mit Wildlederanteil vorbei gebracht und er sah aus wie neu.

    Bei den Schuhhandwerkern ist es aber ähnlich wie bei den Schneidern: Die wirklich Guten muss man mittlerweile lange suchen. Um so besser, wenn sich eine Idee wie Shoedoc durchsetzt: Ich drücke die Daumen.

      1. Ich weiß nicht, das Schneider- und Schuhmacherhandwerk aussterben wird. Ich bin eher zuversichtlich, dass es nicht so sein wird. Ich beobachte die Entwicklung seit etwa 30 Jahren. Sicherlich gab es früher mehr Modehandwerk, es gibt im Moment aber auch viel neues Interesse, nicht zuletzt durch Instagram.

        1. Herr Roetzel,

          Das sehe ich ähnlich, ich denke auch nicht, dass das Handwerk aussterben wird. Allerdings nehme ich an, dass Kunden genauer hinsehen und länger suchen müssen, um einen guten Handwerker zu finden. Früher war das möglicherweise anders (wann auch immer früher war).

          Wir Kunden werden akzeptieren müssen, dass gute Anzüge, Schuhe, etc. nicht einfach so zu kaufen sind und nicht mit einem Klick kommen. Der Kaufprozess dauert länger und der Kunde muss sich mehr mit dem Produkt auseinandersetzen – was ja erst einmal auch viele positive Aspekte hat. Dienstleistungen wie die hier vorgestellte machen es dem Kunden dann wieder etwas leichter und das gefällt mir an der Idee.

          Beste Grüße,

          Lars Vollmer

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