Marc Anthony — Der Anzug ist fertig

Fertigprobe ist ein komisches Wort. Es klingt widersprüchlich, denn die Anprobe eines fertigen Anzugs ist keine Anprobe im Sinne der ersten oder zweiten Probe beim Maßschneider. Das Wort Fertigprobe verwenden Maßschneider für die Abnahme des Anzugs durch den Kunden, wenn er das fertige Teil abholt. Maßkonfektionäre verwenden den Begriff manchmal, um davon abzulenken, dass bei Ihnen keine Anprobe im Sinne der Maßschneiderei vorgesehen sind. Fertigprobe heißt beim Maßkonfektionär, dass man den bestellten Anzug begutachtet und nötige Änderungen bespricht. Die Fertigprobe meines Anzugs bei Marc Anthony hat mich dadurch beeindruckt, dass sie von der Genauigkeit und dem Aufwand tatsächlich an die zweite Anprobe beim Maßschneider erinnerte. Auch wenn die nötigen Änderungen nur geringfügig waren. 

Als ich hereinkam habe ich den Anzug gleich entdeckt. Er hing an einer Kleiderstange mit Mänteln aus dunkelblauem Cavalrytwill. Der Anzug war auf dem Bügel schwerer als ich von Griff des Tuchs her erwartet hat. Gleichzeitig wirkte der Stoff weicher. Im auf dem Besetzen waren meine Initialen zu sehen. Auf Wunsch stickt Marc Anthony da auch einen Spruch, ein Gedicht, eine Handynummer oder was auch immer ein. Mir reichten meine Anfangsbuchstaben. Der Rückengurt, den wir versuchsweise bestellt haben, gefiel mir beim fertigen Anzug nicht so gut. Mir ging er ein wenig zu sehr in Richtung „Retro“ und 20er-Jahre-Reenactment. Die Schneiderin hat ihn deshalb gleich entfernt. Die Hosen wunschgemäß mit Seitenschnallen und dem breiten Bund, den ich aus der Savile Row kenne. Die Knöpfe für die Hosenträger richtig positioniert (nicht zu weit zur Mitte hin) und mit dem Abstand zwischen den Knöpfen, den ich mag (nicht zu dicht zusammen). 

Die Anprobe begann mit den Hosen. Sie passten hervorragend. Marc Anthony fragte nach, ob sie mir nicht zu eng sind. Ich fand die Weite aber perfekt. „So kann ich auch ohne Hosenträger tragen“. Das habe ich beim ersten Ausflug mit der Hose tatsächlich probiert, beim zweiten Einsatz des Anzugs habe ich aber doch wieder Hosenträger angeknöpft. Bei mir halten solche Hosen einfach nicht ohne. Die Bügelfalte hat Marc Anthony durch eine kleine Naht fixiert und hervorgehoben. Das ist eines seiner Markenzeichen. Ich lege keine allzu großen Wert auf eine sehr scharfe Bügelfalte, das Detail gefällt mir, kann also bleiben. Die Hosenlänge hat Marc Anthony beim ersten Versuch perfekt abgesteckt. Der Saum wird angeschrägt wie bei einer englischen Uniformhose, wir verzichten auf Umschläge. Die Hose hat von der Seite eine schlanke Silhouette, der Bund ist gut ausbalanciert – auf meinen Wunsch vorn etwas niedriger als im Rücken.

Nun die Jacke. Bei Maßnehmen ging es ein bisschen hin und her als wir die Gesamtlänge besprochen hatten. Marc Anthony war für die kürze Jacke, Martin Smolka mag sie lieber länger. Ich habe Marc Anthonys Vorschlag angenommen, weil ich seinen Stil unverwässert probieren wollte. Bei der Anprobe war ich sehr zufrieden, der Look gefällt mir. Die Jacke ist kürzer als ich sie sonst trage, das sieht aber mit der hochsitzenden Hose sehr gut aus. Der hohe Hosenbund streckt die Figur, die Jackenlänge unterstützt das. Die Passform der Jacke war in allen Bereichen gut und wesentlich besser als die des Probierteils. Marc Anthony erklärte, dass er natürlich sehr viel an dem Schnitt geändert hat. Auch über den Schulterknochen, die bei mir recht stark sind, sitzt die Jacke gut. Hier mussten schon ein paar Schneider nacharbeiten oder passen. Marc Anthony hatte aber Angst, dass die Jacke nach einiger Zeit an dieser Stelle nicht mehr optimal sitzt, deshalb wollte er dort noch etwas mehr Platz machen. Er markierte die Änderung mit einer Nadel, die Schneiderei hatte aber ohnehin schon zugesehen und im Geiste alles notiert. Die weiche Verarbeitung macht sie sehr bequem. Wegen der Änderung der Jacke konnte ich den Anzug nicht gleich mitnehmen, er wurde mir ein paar Tage später zugeschickt. Der Anzug saß erwartungsgemäß sehr gut. Tommi Aittala hat ihn bei meinem Besuch bei Kay Gundlack in Parchim fotografiert. Es war ein trüber Tag, die Häuser in der Innenstadt lieferten einen Hintergrund, der auf den Fotos fast wie Nordengland wirkte. 

Fazit: Marc Anthony ist ein Maßkonfektionär mit einem sehr eigenen, englisch inspirierten Stil. Durch seine Vorliebe für etwas kürzere Jacken, den hohen Hosenbund und schmale Hosenbeine kreiert Marc Anthony eine sehr schmeichelhafte, jugendliche Silhouette. Nicht jeder Kunde wird diesen Stil für sich wollen, Marc Anthony kann dann durchaus loslassen. Für Fans eines zugleich sehr englischen und jungen Anzugstils, ist Marc Anthony eine sehr gute Adresse. Die Verarbeitung ist sehr gut, die portugiesische Werkstatt, mit der Marc Anthony seit langem zusammenarbeitet, liefert hervorragende Qualität, auf Wunsch – wie bei meinem Anzug – mit viel Handarbeit, z. B. handgemachten Knopflöchern. Nach meinem Erfahrungen absolut empfehlenswert. 

  1. Hallo Hr. Roetzel,

    Spannend, danke für den Review. Ich habe mal eine Jacke Von MAnthony in der Hand gehabt und muss sagen sie hat mich nicht wirklich überzeugt. Sie war zumindest an der Front geklebt, wenn ich mich recht erinnere. Hat MA evtl. seine Werkstatt gewechset, oder mehrere Linien (Half-canvas?)?

    Zudem sass die Jacke zu eng am Träger, was natürlich auch sehr gut an der Entwicklung des Trägers liegen kann.

    1. Marc Anthony bietet derzeit mehrere Linien an, meines Wissens ist Half Canvas der Minimalstandard. Marc Anthony lässt seit vielen Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, bei der selben Werkstatt in Portugal arbeiten. So jedenfalls mein Wissensstand. Den letzten Satz Ihres Kommentars verstehe ich leider nicht.

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