Yasin Tarabia in einem graublauen Anzug mit weiter Hose, ganze Figur in einem Wiener Park

Maßanzüge aus Wien: Interview mit Yasin Tarabia

Warum ein 28-Jähriger seine Anzüge selbst entwirft, wie er seinen ersten Tweedanzug verlor und was er Einsteigern rät

Yasin Tarabia hat inzwischen über 100.000 Follower auf Instagram. Auf seinem Kanal zeigt er vorwiegend Reels seiner Maßanzüge und erklärt im Detail ihre stilistischen Details. Vor vier Jahren habe ich den jungen Wiener bei einem Event in Deutschland kennengelernt. Damals war er schon bei Tiktok durch Stilvideos bekannt. Was ich erst erfahren habe, als einer meiner Neffen ein Foto von Yasin Tarabia und mir gesehen hat. Seit unserem ersten Kennenlernen haben wir uns mehrmals in Wien getroffen und dabei immer wieder über die Maßschneiderei unterhalten. Bei meinem letzten Besuch in Wien habe ich dieses Interview geführt. Die Outfitfotos stammen aus dem Archiv von Yasin Tarabia, die Fotos von unserem Treffen hat Rainer Schoditsch im neuen Atelier des Wiener Herrenschneiders David Kuderer geschossen.

Yasin Tarabia im dunklen Dreiteiler mit rosa Hemd vor einem gelben Oldtimer
Filmreif: Yasin Tarabia in einem Anzug im Stil der 1940er Jahre.

BR: Wir kennen uns seit ein paar Jahren, wir haben uns öfter in Wien gesehen. Wie würdest du dich selbst kurz vorstellen?

YT: Ich bin Yasin, 28 Jahre alt, und ein leidenschaftlicher Liebhaber klassischer Herrenmode. Ich weiß nicht, was man dazu noch sagen kann.

BR: Auf Instagram kann man dich mit deiner Garderobe sehen. Man hat den Eindruck, dass du inzwischen ziemlich viele Anzüge besitzt.

YT: Ich versuche immer, Leuten neue Ideen und Inspirationen zu geben, die sie für den Alltag übernehmen können. Und eben nicht die typische Vorstellung vom klassischen Anzug. Bei mir sind es vor allem Tweed- und Flanellanzüge.

Inspiration aus der Vergangenheit

BR: Du inspirierst andere. Aber was inspiriert Dich? Du hast sehr eigenwillige Anzüge, im besten Sinne. Man sieht, dass da Individualität dahintersteckt.

YT: Bei mir kommen fast alle Ideen aus der Vergangenheit. Aus Archiven, aus Zeitungen der 1970er Jahre, von Stars, die in den 1940ern bekannt waren und es bis heute sind. Ich glaube, die schönsten Sachen waren in der Vergangenheit zu sehen.

Yasin Tarabia in einem grünen Zweireiher vor einer Efeuwand
Sportlich: Zweireiher mit aufgesetzten Taschen und „turnback cuffs“.

BR: Du bist 28. Bespoke ist ein Trend auf Instagram. Aber ich kenne kaum jemanden, der sich so intensiv für die Maßschneiderei interessiert und auch tatsächlich immer wieder bei Schneidern bestellt. Die meisten jungen Leute holen sich etwas aus dem Secondhandladen. Du gehst zum Schneider und bestellst ganz regulär als Kunde. Wie bist du dazu gekommen?

YT: Ich bin einfach davon besessen, Anzüge zu kreieren, weil ich dann wirklich zu hundert Prozent meine eigene Idee umsetzen kann. Das geht nur, wenn ich vom Stoff an alles selbst zum Schneider bringe. Wenn ich etwas fertig kaufe, kaufe ich die Idee eines anderen.

BR: Deine Anzüge könntest du so gar nicht von der Stange kaufen. Bei fast allen, die ich von dir kenne, ist immer etwas Besonderes dabei.

YT: Ja, ich bin sozusagen besessen davon, etwas zu kreieren, und verfolge das leidenschaftlich.

Der erste Anzug beim Schneider

BR: Was war dein erster Anzug vom Schneider?

YT: Mein erster war tatsächlich ein rosa Tweedanzug. Ich habe gleich mit dem Aufwändigsten begonnen, weil ich mir dachte: Wenn ich das mache, was ich mich zuerst nicht traue, wird alles danach viel einfacher. Den habe ich leider nicht mehr, er liegt irgendwo in Ägypten und ich finde ihn nicht wieder.

BR: Wieso in Ägypten? Hast du ihn mitgenommen? Ein Tweedanzug in Ägypten klingt ein bisschen verrückt. Allein schon wegen der Temperaturen.

YT: Mein Cousin hatte das Bild gesehen und gesagt, er habe noch nie einen Anzug aus so einem Stoff gesehen. Er wollte ihn unbedingt anprobieren. Also habe ich ihn mitgenommen, er hat ihn probiert, und dann habe ich ihn irgendwo liegen lassen. Bis heute finde ich ihn nicht.

Yasin Tarabia in einem karierten Tweedsakko mit goldenen Knöpfen vor einem dunklen Portal
Britische Klassiker: Norfolk-Jacke aus schwerem Tweed mit Blazerknöpfen.

BR: Und was kam nach diesem Extrem?

YT: Ich habe ziemlich laut angefangen. Ich habe nicht mit den Basics begonnen, sondern mit allem, was ich mich von der Stange nicht zu kaufen getraut hätte. Danach kam ein burgunderfarbenes Doppelreiher-Sakko. Ich habe viel mit Sakkos begonnen, weil das die größere Herausforderung ist: Man muss sie mit anderen Hosen kombinieren. Bei einem Anzug trägst du ihn einfach mit deinen Hemden, und das war es.

Yasin Tarabia in einem braun karierten Anzug vor einer Steinbalustrade
Großes Karo, perfekt zugeschnitten: Vielfältige Inspirationen sind in diesem Anzug eingeflossen.

BR: Ist das, was du zeigst, nur für das Bild, oder ist das auch deine Alltagsgarderobe?

YT: Das ist auch meine Alltagsgarderobe. Der erste Tweedanzug ist wahrscheinlich nicht wirklich alltagstauglich, aber ich versuche immer, Sachen zu kreieren, die von der typischen Anzugidee etwas wegführen. In einem dunkelblauen oder grauen Anzug sieht wirklich jeder gut aus.

BR: Wirst du darauf angesprochen?

YT: Ziemlich oft. Meistens kommen auch die Vorurteile, dass ich Banker sei oder aus einer Aristokratenfamilie komme. Schön wäre es. Nein, ich mache das wirklich nur aus Leidenschaft. Viele denken, es stecke ein bestimmter Hintergrund dahinter. Es ist wirklich pure Leidenschaft.

Yasin Tarabia in einem grauen Flanell-Zweireiher vor bewachsener Mauer
Diskretes Grau: Zweireiher, ausnahmsweise mit Knopfloch nur im linken Revers.

BR: In deinen Instagram-Reels gibt es auch immer Stiltipps. Wer ist die Zielgruppe?

YT: Es sind zum größten Teil jüngere Leute. Ich glaube, das sind die Menschen, die heute ein bisschen Richtung brauchen und keine Person haben, an der sie sich orientieren können und sagen: Okay, so ziehe ich meinen Anzug an. Ich bin selbst noch jung, deshalb können sie mich eher als Inspiration sehen als einen 70-jährigen Mann.

BR: Woher nimmst du dieses ganze Wissen? Liest du Bücher, schaust du ins Internet? Du gibst sehr detailreiche Tipps.

YT: Ich habe nicht die eine Quelle. Es kommt von Bildern, aus Archiven, aus Interviews mit anderen Menschen. Und dann recherchiere ich natürlich darüber, damit ich weiß, ob es auch stimmt. Sagen kann ja jeder irgendetwas. Dieses Wissen habe ich schon seit längerem, seit etwa acht Jahren. Ich könnte wahrscheinlich die nächsten zwanzig Jahre jeden Tag ein Video machen und etwas davon weitergeben.

Beim Schneider: Vertrauen und Missverständnisse

BR: Beschreib einmal, wie das für dich beim Schneider ist. Viele Männer haben Angst davor, weil sie nicht genau wissen, was sie wollen und so viel selbst entscheiden müssen. Warst du am Anfang unsicher?

YT: Angst hatte ich nicht. Aber ich hatte vielleicht das Gefühl, dass er nicht verstehen würde, was ich genau will, weil meine Ideen etwas anders sind. Ich glaube nicht, dass ich ein Alltagskunde bin. Damit habe ich am Anfang ein bisschen gekämpft, und natürlich haben am Anfang Kleinigkeiten nicht gepasst. Mein Rat ist trotzdem, beim selben Schneider zu bleiben. Sobald er deine allgemeine Idee verstanden hat, musst du irgendwann gar nicht mehr sagen, was du willst. Der Schneider weiß es automatisch, weil er dich so gut kennt. Ein guter Schneider kennt den Kunden besser als der Kunde sich selbst.

Detail: Manschette, Ärmelknöpfe und rotes Einstecktuch an einem dunklen Zweireiher
Die Kunst des Details: Anzug aus schwerem Serge mit „turnback cuff“.

BR: Über deine Schneider sprichst Du nicht. Wieso eigentlich nicht? Willst Du sie für Dich behalten, weil sie so gut sind?

YT: Die Leute wollen immer nur Informationen, Informationen und noch mehr Informationen. Aber was bringt einem all das, wenn man kein Wissen daraus macht? Wer wirklich Wissen in vielen verschiedenen Bereichen besitzt, ist nicht ständig auf neue Informationen angewiesen, er kann Zusammenhänge verstehen, selbst denken und vieles aus seinem eigenen Wissen heraus ableiten.

Ein Nachmittag im Atelier von David Kuderer

Beim letzten Treffen in Wien war der Zuschneidetisch im neuen Atelier von David Kuderer der Ort des Gesprächs. Auf dem Tisch lag eine halbfertige Jacke, an der ablsebar ist, wovon Yasin Tarabia erzählt: dass ein Kleidungsstück beim Schneider Schritt für Schritt entsteht.

Bernhard Roetzel und Yasin Tarabia am Zuschneidetisch bei Kuderer in Wien, dazwischen ein geheftetes Sakko
Gespräch an David Kuderers Zuschneidetisch. Foto: Rainer Schoditsch
Yasin Tarabia und Bernhard Roetzel begutachten ein geheftetes Sakko, im Hintergrund Schneiderpuppen
Umgeben von Handarbeit im Atelier Kuderer. Foto: Rainer Schoditsch
Yasin Tarabia im Gespräch mit Bernhard Roetzel in der Werkstatt
Yasin Tarabia liebt das Gespräch über die Maßschneiderei. Foto: Rainer Schoditsch

Wie man den richtigen Schneider findet

BR: Damit hebst du dich von den meisten ab, die sich da tummeln, und bist glaubwürdig, weil du alles aus eigenem Antrieb machst. Was würdest du jemandem raten, der auch einmal beim Schneider anfangen will? Wie findet man überhaupt einen guten Schneider?

YT: Der gute Schneider ist für jede Person ein anderer. Ich würde empfehlen, zuerst Wissen zu sammeln und zu wissen, was man selbst will, und dann den Schneider zu suchen, der für diesen Schnitt oder für die eigene Idee am ehesten geeignet ist. Man muss recherchieren, auf Instagram, bei Google, auf YouTube. Dann schaut man sich Bilder an, und wenn es keine gibt, geht man zu den Schneiderhäusern und sieht sich die Arbeiten an. Wenn man sich denkt: Okay, darin sehe ich mich, dann ist das wahrscheinlich ein guter Anfang.

Yasin Tarabia in einem cremefarbenen Leinen-Dreiteiler
Dreiteiler: Yasin Tarabia trägt Einreiher am liebsten mit Weste.

Die Garderobe Schritt für Schritt aufbauen

BR: Du hast schon gesagt, du empfiehlst, beim Schneider zu bleiben. Hast du weitere Ratschläge für jemanden, der zwei, drei Sachen hat machen lassen? Was würdest du zum Aufbau der Garderobe raten?

YT: Ich würde immer Schritt für Schritt vorgehen und nicht alles auf einmal machen, weil sich die Ideen ändern und vielleicht auch der Körper. Je nachdem, in welcher Branche man ist, braucht man einen anderen Anzug. Ein Banker will wahrscheinlich einen dunkelblauen Herringbone-Anzug, ein Künstler eher einen dunkelgrünen Cordanzug. Das hängt von Person zu Person ab. Wenn man unsicher ist, würde ich lieber mit den Basics beginnen. Und wenn man sich sicher ist, soll man einfach das nehmen, was man haben will.

BR: Ein sehr gutes Schlusswort. Vielen Dank für das Gespräch.

Yasin Tarabia in grünem Sakko und heller Hose vor rotem Herbstlaub
Blazer mal anders: Grün ist wienerisch und „Yvy League“ zugleich.
Rückansicht: Sitz von Sakko und Hose eines Glencheck-Anzugs
Exakter Schnitt: Kenner schauen bei Maßjacken auf die Rückenpartie.

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