Viele Männer, die klassisches, rahmengenähtes Schuhwerk tragen, träumen von Maßschuhen. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Manche haben Probleme, gut passende Schuhe zu finden, z. B. wegen eines hohen Spanns, stark unterschiedlich langer Füße oder hervorstehender Zehen. Andere erhoffen sich eine Steigerung bei der Bequemlichkeit, mehr Exklusivität und Individualität oder einen höheren Anteil an Handarbeit.
In jedem Fall sind die Erwartungen sehr hoch und Enttäuschungen deshalb nicht selten. Wer schon mit der Passform und dem Tragegefühl rahmengenähter Lederschuhe vertraut ist, wird keine grundsätzlich falsche Vorstellung nähren. Anders ist das bei Männern, die fast nur Sneakers tragen und dann übergangslos zum Maßschuh aus Leder wechseln. Hier ist die Umstellung sehr groß und auch die Gefahr, dass der Maßschuh als hart und unbequem empfunden wird.
Was ist überhaupt ein Maßschuh?
Grundsätzlich ein Paar Schuhe, das passend für die Füße eines Menschen angefertigt wird. Wie diese Schuhe gebaut werden, ob von Hand oder maschinell, ist dabei nicht gesagt. Auch über das Material sagt der Begriff nichts aus. Maßschuhe können aus Leder gebaut werden oder wie ein Sneaker konstruiert sein. Wenn wir hier von Maßschuhen reden, dann sind handwerklich gebaute Schuhe aus Leder rahmengenähter Machart in klassischen Modellformen gemeint.
Inhalt und Ziel dieses Guides ist es nicht, alle Macharten zu erklären. Er soll vielmehr darüber informieren, worauf man als Anfänger achten soll, wenn man einen Maßschuh sucht und dann das erste Paar bestellt. Die Machart und das Material werden deshalb nicht erschöpfend erklärt, stattdessen nur soweit, wie es für dieses Thema wichtig ist. Auch die Schuhformen und die Namen der Modelle sind hier nur ein Nebenaspekt.
Motivation: Warum überhaupt Maßschuhe?
Wer über Maßschuhe nachdenkt, sollte sich zunächst über seine Motivation klar werden. Geht es um Prestige, Status oder Image? Um Handwerk, Individualität oder Originalität? Sollen die Maßschuhe ein Passformproblem beheben? Steht die Bequemlichkeit im Vordergrund oder das Aussehen? Welche Stilrichtung bevorzugt man im Allgemeinen?
Wichtig für Einsteiger: Beim Renommee liegen Maßschuhmacher aus London, Italien und Frankreich vorn, Koreaner und Japaner sind in Fachkreisen jedoch auch sehr angesehen. Im deutschsprachigen Raum haben Wiener Maßschuhmacher einen exklusiven Ruf. Deutsche Maßschuhmacher sind es gewohnt, dass die Kunden sehr bequeme Maßschuhe erwarten und dafür auch Abstriche beim Aussehen machen. Italienische Maßschuhe sind subjektiv sicherlich am schönsten, die Passform wird deutsche und österreichische Kunden aber oft nicht zufriedenstellen.



Umfang der Handarbeit
Beim fertigen Schuh ist nur noch schwer ablesbar, wie viel Handarbeit darin steckt. Eine händisch ausgeführte Einstechnaht ist z. B. nicht mehr zu sehen. Eine von Hand aufgedoppelte Laufsohle ist ebenfalls schwer von einer maschinell genähten Laufsohle zu unterscheiden. Auch viele weitere Arbeitsschritte bleiben unsichtbar und sind nicht zu spüren beim Tragen. Das Material des Innenlebens, z. B. der Kappen, ist ebenfalls nicht mehr erkennbar. Ob der Handwerker also Kappen aus Leder, Lefa oder Kunststoff einsetzt, kann man nur erfragen oder beim halbfertigen Schuh in der Werkstatt sehen. Die Schaftteile werden ohnehin fast immer mit der Maschine zusammengesteppt.

Wichtig für Einsteiger: Maßschuhmacher sind sich uneins, wie wichtig die Handarbeit ist. Die Meinung hängt in der Regel davon ab, wie der jeweilige Handwerker selbst arbeitet. Viele Maßschuhmacher nähen den Schaft von Hand an Brandsohle und Rahmen, doppeln an die Laufsohle mit der Maschine auf. Manche machen beides von Hand. Beide Herangehensweisen wären handwerklich und vom Ergebnis her für den Kunden gleich. Es sei denn, dass ihm das höhere Maß an Handarbeit wichtig ist. Ist dies der Fall, dann sollte eine Werkstatt ausgesucht werden, die entsprechend arbeitet. Handwerker geben in aller Regel sehr genau Auskunft über ihre Arbeitsweise. Bei Geheimnistuerei ist Vorsicht geboten.
Das Aussehen
Bis zum ersten Weltkrieg wurden hochwertige Herrenschuhe überwiegend von Hand nach Maß gebaut. Wie sie passten und wie bequem sie waren, ist schwer zu sagen. Es ist bekannt, dass viele Herren ihre Füße aus ästhetischen Gründen in zu kleine oder zu schmale Schuhe zwängten. Erst nach dem zweiten Weltkrieg betonten Maßschuhmacher die bessere Passform, um sich von der immer stärker werdenden Konfektion abgrenzen zu können. Die Grundfrage, ob eine gewünschte Form im Vordergrund steht oder eine Passform, die zum Fuß passt und ihn nicht deformiert, besteht auch heute noch.

Wichtig für Einsteiger: Je nach Motivation steht das Aussehen des Schuhs oder seine Bequemlichkeit im Vordergrund. Wobei der Begriff „bequem“ sehr viele Interpretationen zulässt. So genannte Gesundheitsschuhe sind objektiv, sofern sie richtig passen, bequemer als viele Maßschuhe und auch „gesünder“. Denn sie engen die Zehen nicht ein, stützen das Fußgewölbe und beugen Deformationen vor. Ein nachgiebiger Sneaker ist auch bequem, allerdings ist er nicht unbedingt gut für den Fuß, weil er keinen Halt und keine Stütze bietet und aus synthetischem Material gefertigt ist. Deshalb sollte man sich genau prüfen, ob man für die schöne Schuhform, die man sich erträumt, wirklich leiden möchte.
Die wichtigsten Tipps für Einsteiger
1. Genau informieren
Prüfen Sie das Angebot genau. Lernen Sie die in Frage kommenden Werkstätten kennen. Sprechen Sie mit den Handwerkern. Der persönliche Eindruck ist wichtiger als Rezensionen im Internet. In aller Regel gibt es auch beim besten Handwerker Kunden, die enttäuscht oder unzufrieden sind. Die Gründe sind schwer zu ermitteln.
2. Nähe vor Image
Für den ganzen Prozess und auch die Wochen, Monate und Jahre nach der Lieferung der Schuhe ist es sehr wichtig und wertvoll, dass man die Werkstatt leicht und schnell erreichen kann. Sie muss nicht unbedingt im Heimatort liegen. Der Handwerker sollte dann aber wenigstens alle paar Monate in der Stadt sein. Dennoch ist es am besten, wenn man jederzeit in der Werkstatt vorbeischauen kann. Für Fragen, Änderungen, Reparaturen oder Pflege.

3. Kommunikation optimieren
Wer unbedingt im Ausland bestellen möchte, warum auch immer, sollte es nur tun, wenn er sprachlich mit der Werkstatt optimal kommunizieren kann. Der Erfolg von Maßbestellungen hängt, vor allem beim ersten Mal, zum großen Teil von der Kommunikation ab. Wenn die durch schlechte Sprachkenntnisse oder mangelhafte Übersetzungen nicht gut ist, dann ist das Ergebnis von Anfang an zweifelhaft. Dabei sind nicht nur die eigenen Sprachkenntnisse wichtig, sondern auch die des Handwerkers. Wenn ich sehr gut Englisch spreche, muss das Englisch des Gegenübers nicht unbedingt genauso gut sein.
4. Alle Schritte festhalten
Aus eigener Erfahrung raten wir dazu, alle Schritte und Details der Bestellung zu notieren oder im Bild festzuhalten. Nicht so sehr, um später mit Beweisen auftrumpfen zu können. Vielmehr, um für sich selbst alles zu dokumentieren. Gerade Einsteiger sind so aufgeregt, wenn sich endlich ihr Traum erfüllt, dass sie vieles einfach nicht genau mitbekommen. Und wenn sie dann wieder zu Hause sind, wissen sie gar nicht mehr so genau, was alles im Detail besprochen wurde. Was spätestens bei der Anprobe sehr verunsichern kann. Das betrifft das Material, die Form, die Details der Ausstattung. „Hatte ich wirklich ein rotes Futter bestellt?“ „Sollte die Kappe nicht eckiger sein?“

5. Erfahrung nutzen
Viele Einsteiger kennen niemanden, den sie um Rat fragen können. Dabei ist es sehr wertvoll, wenn man vor und bei der Bestellung sowie bei den Anproben jemanden an der Seite hat, der erfahren ist und kein kommerzielles Interesse am Ausgang der Zusammenarbeit hat. Ein erfahrener Freund oder Bekannter ist wahrscheinlich der beste Begleiter. Auch Bespoke-Coaches können gute Dienste leisten. Sofern sie gegen Honorar arbeiten und nicht auf eine Provision des gewählten Handwerkers zählen. Wir bieten eine solche Bespoke-Begleitung an, bei Interesse nennen wir gern die Konditionen und Preise.

