Kommentare oder Fragen? Bernhard Roetzel antwortet.
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Markus Scheer trägt seinen weißen Kittel wie ein Arzt. Er ist aber Handwerker, ein denkender Handwerker. Er führt die älteste und angesehenste Maßschuhwerkstatt Wiens, gegründet 1816 und bis heute in Familienhand. Wiener Stil in Reinform.
BR: Was ist die größte Herausforderung für einen Maßschuhmacher?
MS: Den Fuß zu verstehen. Das ist etwas ganz anderes, als ihn nur richtig zu vermessen.
Den Fuß verstehen, nicht nur vermessen
BR: Was heißt „den Fuß verstehen“?
MS: Verstehen heißt, die Sache aus mehreren Richtungen anzusehen. Nicht nur, weil jeder Fuß anders ist. Selbst wenn man zwei identische Füße bei zwei Menschen fände, sie vermäße und für beide denselben Schuh baute, kann es passieren, dass der eine ihn ablehnt, weil er ihm viel zu eng ist, während der andere sagt, er sei so weit, dass er ihn fast verliert.
BR: Das klingt nach einer schwierigen Aufgabe.
MS: Man braucht viel Wissen über die anatomischen Voraussetzungen. Man muss auch wissen, wie sich Füße im Lauf eines Tages verändern. Manchen Füßen darf man am Abend mehr Raum im Schuh lassen, bei anderen ist das völlig ausgeschlossen. Gewohnheiten spielen eine große Rolle, Klimazonen, Reisen. Das alles geht in die Form des Leistens ein.
BR: Wie gelingt es Ihnen, ein Paar Füße so schnell zu verstehen? Normalerweise sehen Sie die Füße zum ersten Mal, wenn jemand zum ersten Mal hereinkommt.
MS: Der Zugang ist über mehrere Generationen gewachsen. Die Anforderungen haben sich ebenfalls verändert. Für meinen Ururgroßvater war das Verstehen des Fußes noch kein Thema. Mein Großvater hat in diese Richtung zu arbeiten begonnen, unser heutiger Zugang ist aber wirklich erst in der siebten Generation entstanden, weil die Anforderungen viel komplexer sind als früher. Meine persönliche Methode ist das Ergebnis der vergangenen 25 Jahre meiner Arbeit. Ich nehme die Begegnung mit dem Kunden bildlich auf und kann mich danach an jedes Detail erinnern, so oft ich will.
Was Markus Scheer in dreißig Minuten sieht
BR: Welche Details sind am wichtigsten?
MS: Ich muss sehen, wie der Kunde in den Raum kommt. Es bleibt keine Zeit, mit ihm durch Wien zu spazieren, ich muss in dreißig Minuten alles aufnehmen. Manchmal sehe ich dem Kunden nach, wenn er die Straße hinuntergeht. Nach dem ersten fertigen Paar mache ich das immer. Ich schaue mir an, wie sich sein Gang durch die Leisten verändert hat, die ich gebaut habe.
BR: Wenn Sie den Kunden auf dem Weg zu Ihnen die Straße herunterkommen sehen, erkennen Sie an seinen Bewegungen, dass er aufgeregt ist?
MS: Meistens gehen sie schnell, wenn sie kommen, und langsam, wenn sie gehen. Uns fällt auch auf, dass die Leute stolz aussehen, wenn sie in ihren neuen Schuhen aus dem Geschäft treten. Sie bleiben vor den Schaufenstern stehen und betrachten sich. Wir versuchen immer, ihre Art sich zu bewegen zu beeinflussen. Manche versuchen wir zu entschleunigen.
BR: Sind Sie mit dem Kunden allein, wenn Sie Maß nehmen?
MS: Bei der Arbeit ist immer ein Assistent an meiner Seite, beim Maßnehmen nicht. Ich brauche den Assistenten, damit er notiert, wenn mir plötzlich ein wichtiges Detail einfällt. Sehr oft bitte ich ihn, schnell ein Paar Leisten zu holen, an denen ich gerade arbeite, um etwas zu verbessern. Das ist typisch für unsere Methode und vermutlich eher ungewöhnlich.
BR: Sie bauen jeden Leisten selbst?
MS: Ja. Und ich nehme mir für jeden einzelnen viel Zeit.
BR: Machen Sie einen Probeschuh?
MS: Ja.
Wozu der Probeschuh dient
BR: Warum? Brauchen Sie die Anprobe, oder ist sie für den Kunden gedacht?
MS: Der Probeschuh wurde als zweiter Schritt nach dem Maßnehmen erfunden. Mit unseren Schuhen wollen wir die natürliche Form des Fußes genau bewahren. Heute erfüllt der Probeschuh zusätzlich einen zweiten Zweck. Den Menschen fällt es schwer, jemandem zu vertrauen, und der Probeschuh schafft Vertrauen.
BR: Ist das in Ihrem Fall nötig?
MS: Die Leute kommen meist wegen unseres Rufs oder auf Empfehlung. Sie vertrauen uns hier viel Geld an, ohne jede Garantie. Früher ging man davon aus, dass teure Dinge gut gemacht sind. Diese Annahme ist in den vergangenen Jahrzehnten verloren gegangen. Der Probeschuh nimmt viel Spannung heraus. Wenn er sich gut anfühlt, entspannen sich die Leute. Sie freuen sich auf den fertigen Schuh und sind froh, sich für Schuhe von Scheer entschieden zu haben.
BR: Können Sie den Ablauf der Anprobe beschreiben?
MS: Ich erkläre zuerst den Unterschied zwischen Probeschuh und fertigem Schuh. Dann lehne ich mich in meinem Sessel zurück und bitte den Kunden, ein wenig herumzugehen. Manche haben Lust, ein paar Kilometer zu gehen, und laufen im Raum auf und ab. Es ist jedes Mal wieder interessant, die Leute in diesem Moment zu beobachten. Wie weit sie gehen, um den Tisch, ins Nebenzimmer oder nur ein paar vorsichtige Schritte. Manche fühlen sich gedrängt, ein Urteil abzugeben oder irgendetwas zu sagen. Aber was soll er sagen? Er muss seiner Intuition folgen. Mehr kann ein Kunde nicht tun.
Was sich in hundert Jahren verändert hat
BR: Hat sich die Schuhmacherei in den vergangenen hundert Jahren verändert?
MS: Wir verwenden noch immer dieselben Werkzeuge und dieselben Methoden. Manche Techniken wenden wir anders an. Techniken, mit denen man vor hundert Jahren Hausschuhe gemacht hat, dienen heute für Sneaker oder Sommerschuhe. Leichtigkeit und Flexibilität sind in unserer Zeit sehr wichtig. Wir arbeiten nur mit Naturkautschuk, halten aber nach neuen Materialien aus anderen Bereichen Ausschau. Zum Beispiel nach Materialien, die in der Raumfahrt eingesetzt werden, damit die Muskulatur in der Schwerelosigkeit nicht abbaut. Wir müssen auch häufiger als früher auf Allergiker eingehen. In der Geschichte unseres Hauses haben wir immer versucht, das Maximum zu geben. Das verbindet alle Generationen der Familie Scheer.
Kennen Sie unser Adressbuch schon? Rudolf Scheer & Söhne ist dort mit Adresse verzeichnet: feineherr.de/map/
Fotos: Martin Smolka.










