Kommentare oder Fragen? Bernhard Roetzel antwortet.
Mäntel stehen meistens in der zweiten Reihe. Bei den Herren, die nach Maß arbeiten lassen. Und auch bei Schneidern selbst.
Meistens werden zunächst Anzüge, Sakkos und Hosen geordert. Und dann irgendwann. Oft fast widerwillig, ein Mantel.

Diese Reihenfolge hat natürlich ihren Sinn. Für einen Schneider ist es einfacher, einen Mantelschnitt aus einem existierenden Sakkoschnitt heraus zu konstruieren.
Der Mantel als Hauptdarsteller
Außerdem ist der Anzug immer noch der Kern der Maßgarderobe. Selbst wenn der Anzug eine Kombination ist. Also Sakko plus Hose aus einem anderen Stoff.
Doch es geht auch anders. Der Mantel kann im Vordergrund stehen, kann Hauptdarsteller sein. Wenn Männer keinen Anzug tragen. Mit der traditionellen Garderobe nichts anfangen können. Aber trotzdem von einem Kleidungsstück nach Maß träumen.

Der Mantel ist hier die perfekte Antwort. Denn der Mantel ist viel mehr als nur ein zu groß geratenes Sakko. Mehr als die Weiterentwicklung des Umhangs, des Umschlagtuchs, des Capes mit Kapuze.
Der Mantel ist ein magisches Kleidungsstück. Nicht im Sinne des Zaubermantels von Petrosilius Zwackelmann, der seinen Herrn durch die Lüfte trägt. Aber schon ein Kleidungsstück, das Verwandlung ermöglicht.

Der Mantel ist aufgeladen mit Gefühlen, Bildern, Assoziationen. Mit Romantik, Dramatik und Pomp. Er umhüllt und verhüllt, schützt und birgt, wärmt den Körper und die Seele.
Eine Schneiderin, die den Mantel liebt
Das mag ein wenig übertrieben klingen. Doch wer hat nicht schon solche Mäntel gesehen oder gar getragen? Wer hat nicht erlebt, wie man einen Mantel überzieht und plötzlich ganz anders geht und steht?
Wer in dieser Weise von Mänteln träumt, einen ganz besonderen Mantel sucht, wird von vielen Schneidern enttäuscht sein. Die konstruieren einen Schnitt, der vielleicht richtig sitzt. Aber hat dieser Mantel eine Seele? Berührt er die Seele?
Wer einen ganz besonderen Mantel sucht, braucht eine ganz besondere Schneiderin. Eine Schneiderin, die Kleidung als Mantel denkt. Die den Mantel liebt, die den Mantel studiert hat, die den Mantel nicht als Ergänzung des Anzugs sieht – für die der Mantel einfach das Kleidungsstück schlechthin ist.

Manuela Leis ist seit 2017 als selbstständige Herrenschneiderin dem perfekten Mantel auf der Spur. Zuerst in einer Werkstatt in Berlin-Weißensee, dann fünf Jahre am Ostkreuz und seit Mai 2025 in ihrem Atelier in Prenzlauer Berg.

Wir treffen sie am Vormittag. Eben hat es noch geregnet – Mantelwetter im Spätsommer. Sie bietet uns Wasser an in der kleinen Sitzgruppe an der Vorderseite des Ladens. Die Einrichtung ist eine Mischung aus Werkstatt und Wohnzimmer, antiken Möbeln und Sachlichkeit.
Das Atelier in Prenzlauer Berg
Auf dem Boden ein verblichener Orientteppich, der nach Familienerbstück aussieht. Die Wände in einem Blau gestrichen, das klassizistisch wirkt, die relativ niedrige Decke in Gold. Was dem Raum eine gewisse Höhe gibt.

An einer Wand hängen Arbeiten des Londoner Illustrators Fab Gorjian. Es sind Darstellungen von Mänteln, die auch auf der Webseite der Schneiderin zu sehen sind. Er ist bekannt in der Bespoke-Szene, er stellt auch in der Savile Row aus. Er versteht etwas vom Thema.

Wenn Manuela Leis von Mänteln redet, dann spürt man Begeisterung, Liebe und fast fanatisches Qualitätsbewusstsein. Und sehr viel Respekt für ihre Kunden. Kein Mantelwunsch kann zu ausgefallen sein, keine Idee zu verrückt, kein Anspruch zu hoch. Hauptsache, der Wunsch nach dem Mantel kommt aus dem Herzen.

Am Anfang steht immer ein ausführliches Gespräch. Manchmal folgen Illustrationen oder Schnittskizzen, wenn das einer Kundin oder einem Kunden hilft, sich über die Wünsche klar zu werden. Oder wenn es gilt, auf schnitttechnische Grenzen hinzuweisen.

Manuela Leis hat inzwischen viel Erfahrung gesammelt. Sie kann einiges möglich machen und ist bereit, in einem geradezu unvernünftigen Maß Zeit zu investieren. Aber der Körper und der Stoff sind nun einmal an die Gesetze der Physik gebunden. Sie kann zaubern, aber nur bis zu einem gewissen Grad.

Nesselprobe und Ärmelstand
Der genaue Ablauf hängt davon ab, wie der Mantel genau aussehen soll, von der Figur der Kunden, von schnitttechnischen Besonderheiten oder dem Material.


Manchmal wird zuerst eine Nesselprobe stattfinden, freilich nicht aus Nesselstoff, eher aus einem Material, das dem gewählten Mantelstoff nahekommt. Manchmal schneidet sie gleich den bestellten Stoff zu.

Auf einer Büste ist ein Mantel zu sehen, bei dem die Ärmel aus einem neutralen Stoff zugeschnitten wurden. So kann der Ärmelstand bei der Anprobe genau bestimmt werden, was bei gemusterten Stoffen sehr wichtig ist. Schließlich sollen Karos perfekt verlaufen.



Keine festen Modelle
Generell lässt sich Manuela Leis ungern festlegen. Weder auf standardisierte Abläufe, noch auf feste Mantelmodelle. Darin erinnerte sie mich an den Wiener Maßschuhmacher Markus Scheer. Bei ihm gibt es keine festen Modelle, aus denen der Kunde auswählen kann. Er macht jedem seinen eigenen Schuh. So ist es auch bei Manuela Leis.

Wer zu ihr kommt, kann Bilder, Skizzen und Ideen mitbringen. Das ist sogar sehr willkommen. Oder er kann vor dem Besuch ihre Webseite thecoatress.com studieren. Unter dem Punkt Mantellexikon findet sich ein ausführlicher Leitfaden zu klassischen Modellformen.


Doch all das ist natürlich nur als Inspiration gedacht. Im Mittelpunkt steht die Individualität. Alles andere wäre nicht wirklich Bespoke.

Kennen Sie unsere interaktive Karte schon? Auch Manuela Leis ist dort mit Adresse verzeichnet.

