Spiegelsymmetrisches Bild: zwei Männer zeigen auf ein unfertiges Sakko auf der Schneiderpuppe vor einem Rundbogenfenster

James Whitfield Bespoke in Berlin-Moabit: Interview über Mythen der Maßschneiderei

Der Londoner Maßschneider arbeitet allein und macht jeden Schritt selbst. Ein Gespräch über Armloch, Rolllinie und Mythen aus dem Internet.

Kommentare oder Fragen? Bernhard Roetzel antwortet.

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Fotos: Tommi Aittala

James Whitfield habe ich vor einigen Jahren zum ersten Mal für Der Feine Herr interviewt (hier der erste Teil unserer Serie). Der Londoner mit Savile-Row-Ausbildung führt in Berlin-Moabit sein eigenes Bespoke-Atelier. Seit unserem letzten Gespräch 2021 hat sich bei ihm einiges verändert: Er arbeitet inzwischen allein und macht jeden Arbeitsschritt selbst. Das neue Interview haben wir im Oktober 2026 in seinem Atelier geführt. Um Mythen über Maßkleidung geht es auch in „Passt perfekt und hält ewig?“.

Mann im braunen Tweedsakko mit Paisley-Krawatte, eine Hand in der Hüfte, in einem weißen Raum, hinter ihm ein graues Sakko

Alles allein machen

BR: Es sieht noch genauso aus. Du hast vorhin gesagt, bevor wir die Aufnahme gestartet haben, dass du jetzt so arbeitest wie viele Schneider auf dem Kontinent, vor allem in Italien. Du machst alles selbst?

JW: Ja, ich bin ein echtes Ein-Mann-Orchester.

BR: Ist das für Schneider mit Savile-Row-Ausbildung ungewöhnlich? Normalerweise gibt es für Großstückschneider und Spezialisten, besonders beim „Finish“.

JW: Ja, auf jeden Fall. Es gibt Leute für alles, Schneider die z. B. nur Taschen machen oder nur bügeln. Die Arbeit ist viel stärker in einzelne Schritte aufgeteilt. Das ist eine ganz andere Art zu arbeiten.

BR: Hat es gedauert, sich daran zu gewöhnen, alles allein zu machen? Zuschneider zu sein ist eine Sache, perfekte Knopflöcher zu nähen, eine andere.

JW: Knopflöcher und so etwas konnte ich schon. Als ich anfing, so zu arbeiten, war ich natürlich ein bisschen langsamer, aber nach ein paar Jahren bin ich ziemlich schnell geworden.

BR: Es dauert also wirklich Jahre, bis man es richtig gut kann?

JW: So lange dauert es nicht. Aber es gibt Dinge, die man gern macht, und Dinge, die man nicht gern macht, und für die Dinge, die einem Spaß machen, ist man natürlich motivierter. Ich habe mich inzwischen daran gewöhnt, und ich mache den ganzen Prozess gern. So habe ich die vollständige Kontrolle über jeden einzelnen Aspekt. Es ist natürlich schwierig, auf diese Weise viel Arbeit zu schaffen. Für das Wachstum des Geschäfts ist es nicht so gut.

Ein Mann im Tweedsakko mit übergeschlagenen Beinen auf einem Bugholzstuhl, gespiegelt, dahinter Stoffmuster auf einem Tisch

BR: Wenn man nach London schaut: Gibt es dort Schneider, die so arbeiten wie du jetzt? Oder gibt es noch so viele Heimarbeiter, dass es gar nicht nötig ist?

JW: Ich kann nicht sagen, dass es keine gibt. Aber für die größeren Häuser ist es einfach nicht möglich. Sie verarbeiten so gigantische Mengen.

Blick durch den Raum auf zwei sitzende Männer unter einem Backsteinbogen, links ein blaues Gemälde

Links oder rechts, Armloch und Rolllinie

BR: Wenn man in Internetforen über Maßschneiderei liest, taucht immer die Frage auf: Trägt man links oder rechts? Als ich 1998 meinen ersten Anzug in der Savile Row machen ließ, hat niemand diese Frage gestellt. Ist diese Frage nur ein Mythos?

JW: Wenn man eine sehr eng sitzende Hose für einen gut bestückten Mann macht, muss man es vielleicht berücksichtigen. Für mich ist es aber eigentlich keine Frage, weil ich meistens ziemlich locker sitzende Hosen schneide. Ich bin sicher, dass es da draußen eine Million Leute gibt, die vehement widersprechen.

Eine dunkelgraue Hose mit Umschlag hängt am Bügel an einer weißen Wand

BR: Gibt es andere Klischees, die du hörst, wenn Neukunden zu dir kommen? Bestimmte Erwartungen an die Maßschneiderei?

JW: Manchmal haben die Leute etwas über die technische Seite gehört. Zum Beispiel, dass man ein sehr hohes Armloch schneidet oder einen großen Ärmelumfang in ein kleines Armloch einpassen muss. Am Ende schneidet man einfach das Armloch, das der Person passt, und den Ärmel, der zum Armloch passt. Wie bei all diesen Dingen ist etwas Wahres dran. Es stimmt, dass ein höheres Armloch mehr Bewegungsfreiheit gibt, wenn man die Arme hebt. Aber es stimmt nicht unbedingt, dass daraus folgt, was die Leute sagen. Es ist schwer zu sagen, das sei absolut falsch, aber es ist ein bisschen zum Meme geworden, bei dem die Leute von diesen Aspekten besessen sind.

BR: Besonders beim kleinen Armloch gibt es die Vorstellung, dass das Sakko dadurch immer am Körper bleibt. Wenn man die Arme hebt, bewegt sich das Sakko nicht.

JW: Es bewegt sich immer ein Stück. Manche glauben, dass durch ein kleines Armloch das Sakko am Nacken gut anliegt, aber damit hat das Armloch nicht zu tun. Was das Sakko am Nacken hält, ist die Balance, die Rückenbalance. Wenn die Balance hinten zu tief liegt, fällt es nach hinten weg.

BR: Ein Mantel hat natürlich ein tieferes Armloch, weil das Sakko hindurchpassen muss.

JW: Das Armloch beim Mantel ist normalerweise etwas tiefer gesetzt, vielleicht einen halben Zoll, und die Rückenbalance beim Mantel ist normalerweise länger. Ob er vom Nacken rutscht oder nicht, hat aber nichts mit der Tiefe des Armlochs zu tun.

Eine andere Vorstellung ist, dass die Brusteinlage die Rolllinie bestimmt. Man hört Leute sagen, die Brusteinlage halte die Rolllinie an ihrem Platz. Das stimmt offensichtlich nicht. Der Kragen bestimmt die Rolllinie. Wenn man einen zu kurzen Kragen aufsetzt, rutscht die Rolllinie am Sakko nach unten, und ein zu langer Kragen setzt sie zu hoch. Die Brusteinlage hat darauf nicht mehr Einfluss, verstehst du, was ich meine?

Hobby, Kritik und Vertrauen

BR: Ich finde diese Dinge für jemanden, der kein Zuschneider oder Schneider ist, sehr schwierig. Es erstaunt mich, dass manche Leute einen Schneider, einen Experten, mit diesen technischen Fragen konfrontieren, obwohl sie nur sehr begrenztes Wissen haben.

JW: Ich glaube, das liegt daran, dass daraus eine Nische geworden ist, ein Handwerk, das näher an einem Hobby liegt als an Alltagskleidung. Früher trug jeder einen Anzug. Man ging zu dem Schneider, den man sich leisten konnte, ließ sich einen Anzug machen und dachte nicht groß darüber nach, wie er gemacht war. Man dachte mehr an den Stil: das Revers, wie viel vom Hemd zu sehen war. Man kümmerte sich mehr um die ästhetischen Entscheidungen. Weil es zum Hobby geworden ist, interessieren sich die Leute dafür, so wie andere Briefmarken oder Geschirr oder was auch immer sammeln.

BR: Cosplay.

JW: Ja, Cosplay. Das zieht Leute an, die sehr, sehr tief drinstecken, die so viel Wissen darüber wollen wie möglich. Das finde ich völlig in Ordnung, und es ist großartig für Leute, die sich dafür interessieren. Und weil wir keine Anzüge mehr tragen, überleben die meisten von uns Schneidern, weil sich Leute auf diese Nischen- und Hobbyart dafür interessieren. Es ist also großartig, dass sie mehr lernen wollen. Aber manchmal glauben sie, es gäbe feste Regeln oder Techniken, die sie kennen müssen, und dass ihnen das hilft zu beurteilen, ob sie ein gutes Produkt haben oder nicht. Dann sehen sie vielleicht den Wald vor lauter Bäumen nicht: Hat mein Sakko diese bestimmte Einlagenkonstruktion, diese Armlochhöhe?

Dieselbe Szene vor dem Rundbogenfenster aus Backstein, der Mann im grünen Sakko sitzt am runden Tisch

BR: Als ich meinen ersten Streifenanzug machen ließ, trafen die Streifen zwischen Revers und Kragen auf beiden Seiten unterschiedlich aufeinander. Ich habe John Coggin gefragt, warum, und er sagte, die Antwort sei einfach: wegen der tieferen rechten Schulter. Er musste bei der zweiten Anprobe die Front anheben, und da war der Kragen schon zugeschnitten und passte nicht mehr. Mir klang das nach einer guten Erklärung.

JW: Da bin ich etwas anderer Meinung. Man kann einen Schulterabfall so schneiden, dass Kragen und Front auf beiden Seiten trotzdem zusammenpassen. Aber es stimmt, dass gelegentlich jemand fragt, warum die Streifen an der Schulternaht nicht zusammenlaufen. Das liegt daran, dass der Rücken größer ist als die Front, man füllt im Rücken auf, die Streifen sind an bestimmten Stellen also effektiv schmaler, und die vordere und die hintere Schulternaht haben leicht unterschiedliche Winkel. Deshalb ist es nicht möglich, dort die Streifen aufeinander abzustimmen.

Mann im Tweedsakko und Mann in grüner Jacke betrachten ein graues Sakko

BR: Aber irgendwann muss man loslassen und sich entspannen.

JW: Genau. Es soll einem gefallen, weil es einem gefällt. Wenn man ins Internet schaut, ist jeder ein Kritiker der Verarbeitung. Das gilt für alles im Internet. Kritik ist in gewisser Weise wichtig, und wenn Leute mit Geschmack und Sachverstand auf diesem Gebiet etwas sagen, ist das alles gut. Aber ich finde, die Leute sollten sich um die Ästhetik kümmern und nicht um die Technik. Solange man darauf vertraut, dass der Schneider es tatsächlich selbst macht und gut macht, und solange man findet, dass die Passform gut ist, oder besser noch, dass die Passform tatsächlich gut ist und die Verarbeitung gut, muss man sich keine Sorgen machen, ob der Schneider eine Regel befolgt hat, von der man im Internet gelesen hat.

BR: Du hast gerade das Wort Vertrauen benutzt. Das ist wie in der Autowerkstatt. Ich kann kein Auto reparieren, deshalb habe ich immer das Gefühl, dass sie mich bis zu einem gewissen Grad betrügen, aber ich akzeptiere es, solange sie es mich nicht zu offensichtlich spüren lassen.

JW: Kennst du den alten Schneiderwitz von dem Mann, der zu seinem Schneider geht, der Anzug ist fertig, er probiert ihn an und sieht im Spiegel schrecklich aus? Der Schneider sagt: Nein, nein, Sie machen alles falsch. Sie müssen den Arm hier hochhalten, das Bein so herausstrecken und so gehen, dann sieht es wunderschön aus. Der Mann ist ein bisschen verwirrt, aber er nimmt den Anzug, geht nach draußen und läuft genau so die Straße entlang, und ein Paar geht an ihm vorbei. Die Frau sagt zu ihrem Mann: Du meine Güte, der arme Mann ist ja fürchterlich entstellt. Und der Mann sagt: Ja, aber er hat einen fantastischen Schneider.

BR: Sehr gut.

Mann im Tweedsakko lächelt, die Hände gefaltet, sitzend im Raum

Toile und Fensterkaro

JW: Nehmen wir zum Beispiel das Fensterkaro. Ich habe einen Kunden, der seinen eigenen Stoff mitgebracht hat, ein sehr schönes Karo, das wird ein wunderbares Sakko. Aber ich will ihn erst zuschneiden, wenn ich wirklich sicher bin, dass ich das Karo nach allen Anproben noch abstimmen kann. Deshalb habe ich eine Toile gemacht, einen Prototyp. Das hier ist die Toile, ein alter Stoff, ein Rest, der von einem Stück übrig war, aus dem ich nur Front, Rücken und Ärmel herausbekommen habe. Für das Besetzen oder Taschen war kein Platz, es waren nur etwa ein Meter zwanzig, und eine Hose war nicht herauszuholen. Aber jetzt kann ich sie anprobieren und sehen: Stimmt die Balance, hängen die Ärmel richtig? Ich kann alle Änderungen machen und berechnen, wie das Karo sitzen soll, alles, bevor ich die Schere an seinen Stoff setze.

BR: Das ist erstaunlich. Ich habe noch nie von einer Toile auf diese Weise gehört. Ich kenne es so, dass man bei einem karierten Anzug eine Toile für die Ärmel verwendet.

JW: Wenn es der Stoff eines Kunden ist, mache ich normalerweise ein Probeteil. Ich kann die Einlage und den Kragen wiederverwenden. Und statt noch einmal zu heften (das ist praktisch schon eine Heftanprobe) kann ich weitergehen: vielleicht zur zweiten Anprobe mit aufgesetzten Taschen, wenn die Passform mehr Korrektur braucht, oder gleich weiter, wenn ich zufrieden bin.

Ein Berliner Schneider

BR: Wissen Kunden heute mehr über Schneiderei als vielleicht noch vor 20 Jahren?

JW: Eigentlich interessieren sich nur sehr wenige besonders für die technische Seite. Es gibt eine Gruppe unter den Kunden, die wichtig ist, gerade in diesem Online-Menswear-Umfeld, die sich sehr für die technische Seite interessiert. Aber ich beobachte, dass die Kunden, die wirklich viel kaufen, die Leute, von denen ich weiß, dass sie viel Geld für Maßschneiderei ausgeben, sich dafür nicht interessieren. Sie haben nicht viel Zeit, und für sie ist es kein Hobby.

BR: Hast du hier in Deutschland auch Kunden aus anderen Ländern?

JW: Nein, ich bin wirklich ein lokaler Schneider. Neunzig Prozent meiner Kunden kommen aus Berlin.

Zwei Männer vor einer Wand mit alten Schubfächern aus Metall und weißen Fliesen

BR: Nervt es dich, als „der einzige Savile-Row-Schneider in Deutschland“ bezeichnet zu werden? Ich habe dich unzählige Male so beschrieben. Sprechen dich Kunden darauf an, wenn sie herkommen?

JW: Niemand erwähnt es besonders. Ich bin seit sieben Jahren mit diesem Geschäft allein hier, und davor war ich weitere sieben Jahre bei einer anderen Firma hier in Berlin. Die Savile Row ist inzwischen sehr weit weg. Ich würde mich einfach als Berliner Schneider bezeichnen. Es ist so lange her, dass ich eine Verbindung dazu hatte, sechzehn Jahre oder so.

BR: Wenn du von hier aus auf die Savile Row zurückblickst, nach so langer Zeit: Kommt dir etwas seltsam vor, vielleicht Dinge, die du selbst gemacht hast, oder hat sich die Welt seit deinem Weggang verändert?

JW: Ich würde sagen, dass aus der Savile Row jede Menge wirklich fantastische Arbeit kommt. Sie machen immer noch wunderschöne Dinge. Es gibt viele großartige junge Leute, die Firmen gründen und Dinge auf neue und interessante Weise gut machen. Für mich sieht es also immer noch großartig aus. Aber ich bin hier glücklich. Ich mache wirklich gern mein eigenes Ding, den ganzen Prozess. Ich finde, das ist eine wunderbare Art zu arbeiten. Sie ist nicht für jeden, und sie ist irgendwie begrenzend, aber ich würde nicht zurückwollen und nur ein Teil des Prozesses sein.

Zwei Männer stehen vor einer Hoftür, links in grüner Jacke und dunkelblauer Weste, rechts im braunen Tweedsakko mit grauer Hose

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