Tusting Clipper Large Safari, im Arm getragen vor einem alten Land Rover

Tusting — Echt englische Taschen

Von der Gerberei zur Taschenmanufaktur: die Geschichte von Tusting aus der englischen Lederhauptstadt Northampton

Kommentare oder Fragen? Bernhard Roetzel antwortet.

Alles begann mit dem Leder. Das war Ende des 19. Jahrhunderts in England sehr begehrt. Die Schuhindustrie erlebte dank der neuen Ledernähmaschinen einen Aufschwung. Die Schäfte der Schuhe konnten nun schneller und mit weit weniger Kraftaufwand zusammengesteppt werden. Die neue Goodyear-Maschine erlaubte es, rahmengenähte Schuhe in wesentlich kürzerer Zeit herzustellen. Und auch sie sparte Muskelkraft. Gefordert war bei ihrer Bedienung vor allem Geschick, man musste aber nicht unbedingt gelernter Schuhmacher sein, um mit ihr umgehen zu können.

Charles Pettit und die Gerberei

Die große Nachfrage nach Leder brachte einen gewissen Charles Pettit auf die Idee, eine Gerberei zu gründen. Das war irgendwann in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts. Niemand machte sich damals die Mühe, die Gründung der Gerberei zu dokumentieren. Zunächst ging es einfach nur darum, sie zum Erfolg zu führen. Und das gelang dem Jungunternehmer. Seine einzige Tochter hieß Elizabeth. Das Geschäft ihres Vaters war sicherlich in ihrer Kindheit und Jugend sehr präsent, was sie genau davon mitbekommen hat, ist nicht überliefert. Da die Gerberei ein nicht sehr wohlriechendes Gewerbe ist, dürfte sie eher auf Distanz geblieben sein. Ihr Mann, John Tusting, stieg allerdings in das Geschäft seines Schwiegervaters ein und brachte den Namen in die Firma, den sie bis heute trägt.

Tusting: historische Aufnahme aus der Gerberei

Krieg und Neuanfang

John und Elizabeth hatten einen Sohn, Jack Tusting. Er wollte so bald wie möglich in die elterliche Firma einsteigen, die Weltgeschichte hatte aber anderes mit ihm vor. 1914 brach der große Krieg aus und Jack wurde mit nur 17 Jahren Soldat. Er diente weit von der Heimat beim Royal Flying Corps. Während er im Krieg war, starb sein Großvater. Dessen zweite Frau verkaufte die Gerberei. Als Jack heimkehrte, gab es das Familienunternehmen nicht mehr. Doch Jack hielt an seinem Traum fest und gründete eine neue Gerberei. Bis in die 1970er Jahre florierte das Unternehmen. Dann verlagerte die Schuhindustrie ihre Produktion mehr und mehr ins Ausland. Einzig die Hersteller rahmengenähten Schuhwerks blieben auf der Insel. Tusting passte sich den neuen Markterfordernissen an und verlegte sich auf den Import hochwertiger Schuhleder für die verbliebenen Manufakturen.

Tusting: historische Werkstatt mit mehreren Arbeitern

Von der Gerberei zur Taschenmanufaktur

In den 1980ern kam dann der Entschluss, die über Generationen gewachsene Lederkompetenz selbst zu nutzen. Tusting wechselte von der Lieferanten- auf die Herstellerseite und begann damit, Taschen zu nähen. Heute leitet mit Alistair Tusting der Ur-ur-urenkel von Charles Pettit die Ledermanufaktur. Sie liegt westlich von Northampton in Lavendon, nur wenige Meilen entfernt von der ursprünglichen Gerberei der Familie. Northampton und die umliegenden Städte und Städtchen sind das Herz der englischen Schuh- und Lederwarenindustrie. Earls Barton, Kettering, Wellingborough, Desborough – wer sich für englisches Schuhwerk interessiert, kennt diese Namen als Sitz der berühmtesten Manufakturen. Tusting teilt mit ihnen die gleiche DNA, das Wissen um das Leder und den Sinn für Tradition und Qualität.

Handarbeit und moderne Technik

Bei Tusting werden alle Produkte vollständig in England hergestellt, von der ersten Entwurfsskizze über die ersten Muster bis hin zum letzten Handstich beim fertigen Produkt. Handarbeit und moderne Technik kommen parallel zum Einsatz. Die Nähmaschinen stammen teilweise noch aus der Zeit des Gründervaters Charles Pettit. Auch wenn sie eigentlich dafür gedacht waren, die Schäfte von Schuhen zusammenzusteppen, eignen sie sich hervorragend für Taschen und Kleinlederwaren. Mühelos gehen die Nadeln durch mehrere Schichten Leder und Futter hindurch. Handarbeit, Fingerspitzengefühl und Augenmaß sind trotz aller Technik, die zur Verfügung steht, gefragt. Ob nun beim Ausschärfen der Kanten, beim Spalten größerer Häute, dem Einfärben der Kanten oder der abschließenden Qualitätskontrolle. Der Mensch bleibt unersetzlich.

Tusting: Ledertasche wird an der Nähmaschine zusammengenäht
Tusting: aufgerolltes Leder in warmen Brauntönen

Die Kollektion

Tusting fertigt zwei Kollektionen, eine für Damen und eine für Herren. Die Herrenkollektion deckt alle Bereiche eines Männerlebens ab: Arbeit, Reise, Alltag. Da gibt es z. B. in der Sparte „Business“ den Clipper, eine geräumige Aktentasche, wahlweise aus Leder oder aus Segeltuch mit Leder. Sie wurde über die Jahre tausendfach gefertigt, oftmals mit individualisierten Details. Für die Reise gibt es Taschen in verschiedenen Größen, ein Klassiker des Hauses ist der „Canvas Explorer“, die typisch englische Reisetasche für das Wochenende auf dem Land. Im Sortiment finden sich aber auch modische Modelle wie Tote-Bags, Rucksäcke und Laptophüllen. Bei den Accessoires finden sich neben Waschtaschen, dem „Valet Tray“, Portemonnaies, Brieftaschen, Kartenhaltern und Brillenetuis auch lederne „Cable Tidies“ für Ordnung im digitalen Kabelsalat. So traditionell Tusting bei Materialien und Herstellungsmethoden ist, so zeitgemäß sind die Designs.

Tusting Lederhüllen in Bordeaux und Cognac übereinandergelegt
Mann in dunklem Mantel trägt den Tusting Clipper in Schwarz über der Schulter, Rückenansicht vor einer Haustür
Mann im blauen Anzug trägt den Tusting Clipper in dunklem Grün

Reparatur und Bespoke-Service

Dass die britische Manufaktur es mit der Langlebigkeit ihrer Produkte ernst meint, beweist die Reparaturwerkstatt. Wenn nach vielen Jahren eine Naht aufgeplatzt sein sollte, Schnalle oder Schloss defekt sind oder einfach das Leder arg ramponiert ist, dann kann das Teil in die Manufaktur geschickt werden. Vorher sollte man allerdings Kontakt aufnehmen, das Problem schildern und am besten auch Fotos einschicken. Selbstverständlich gibt es außerdem einen Bespoke-Service. Er reicht vom Monogramm über Gravuren bis hin zu extra gefertigten Sondermodellen. Als Inspiration dient dabei oft das umfangreiche Archiv der Manufaktur, in dem alle jemals gebauten Modelle zu finden sind. „We will do our utmost to help you realize your wishes“, verspricht Tusting.

Mann im Trenchcoat trägt eine dunkle Tusting Aktentasche auf der Straße

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