Kommentare oder Fragen? Bernhard Roetzel antwortet.
Wir beginnen eine neue Artikelserie: Die Krawatten von Bernhard Roetzel. In jeder Folge stellen wir eine von den vielen Bindern vor, die ich seit Ende der 1980er Jahre gekauft habe. In der ersten Ausgabe geht es um einen Binder von Drake’s. Ich habe ihn von Michael Drake geschenkt bekommen, wahrscheinlich 1999 oder 2000.

Wie ich Michael Drake kennengelernt habe
Drake’s war damals eine reine Krawattenmanufaktur. Genäht wurde in einer loftartigen Fabrik in London. Wo sie lag, weiß ich nicht mehr. Ich habe Michael Drake 1997 oder 1998 in Köln kennengelernt, als ich an meinem Buch „Der Gentleman“ gearbeitet habe. Ich hatte Ende 1997 mit der Arbeit an dem Buch begonnen.
Um Kontakt mit den Herstellern aufzunehmen, in deren Fabriken oder Werkstätten der Fotograf Günter Beer fotografieren konnte, musste ich nicht nach England, Italien, Frankreich oder die USA reisen. Die besten Marken kamen damals zweimal jährlich zur Herrenmodewoche nach Köln. Ich ging von Stand zu Stand und trug mein Ansinnen vor. Das Interesse war bei den meisten gering. Da ich aber versprach, dass der Besuch des Fotografen den Gastgebern nur ihre Zeit kosten würde, erlaubten mir fast alle, Kontakt aufzunehmen.
Michael Drake lernte ich entweder an seinem eigenen Stand oder dem seines Vertreters kennen. Ich erinnere mich nicht mehr. Ich weiß nur noch, dass Michael anders war, als die meisten Briten auf dieser Messe.
Ein Brite mit italienischem Look
Die Inhaber und Vertriebsleute der Schuhmanufakturen aus Northampton waren englisch-konservativ angezogen. Je höher der Rang, desto förmlicher. Meistens aber Sportsakko, Krawatte und Kordhosen oder Cavalry Twills. Nur die Direktoren trugen Anzüge bei ihren seltenen Auftritten. So ähnlich sah es bei den anderen Briten aus. Solide, zeitlos, manchmal etwas langweilig. Michael Drake war dagegen wie ein stilvoller Italiener gekleidet.
Sein typischer Look war das dunkelblaue Sakko, ein hellblaues Oxford-Hemd, schmal geschnittene Hosen aus grauem Flanell und braune Raulederschuhe. Dazu der Kranz weißen Haars, das er lang nach hinten gekämmt trug. Sein Assistent war damals Robert Godley. Er wurde mit einem Foto auf S. 75 der Erstausgabe des „Gentleman“ verewigt. Geschossen wurde die Aufnahme auf dem Dach der Näherei in London. Auch er hätte als Italiener durchgehen können. Nicht nur wegen der braunen Woll- oder Kaschmirkrawatte, die er zum blauen Sakko aus Kaschmir trug.
Ich habe viel von Michael Drake gelernt. Er war einer der ersten, der mich für den klassischen Stil der Italiener begeistert hat. Was vielleicht daran lag, dass er für mich als Brite eine hohe Glaubwürdigkeit besaß. Vielleicht aber auch an seiner Ausstrahlung und seinem umfangreichen Wissen. Michael Drake liebte den italienischen Stil, trug ihn selber und entwarf dementsprechend auch sehr italienische Krawatten. Was nicht heißt, dass er nicht auch englisch sein konnte. Er belieferte viele angesehene Firmen in London, entweder unter deren Label oder dem von Drake’s.
Über Musik haben wir auch gesprochen. Als ich erwähnte, dass ich Gitarre spiele, erzählte er von seinem Sohn, einem Profi-Musiker. Ich hatte das Gefühl, dass er stolz auf ihn war. Und mich als Amateur nicht ganz ernst nahm. Sozusagen stellvertretend für seinen Sohn.
Drake’s nähte auch für andere Häuser
Die Drucke von Drake’s erkannte man sofort, ob bei Purdey’s, Cordings oder Holland & Holland. Typisch waren damals kleine Tiere. Aber nicht die üblichen Dackel und Fasane. Michael Drake verwendete Darstellungen von mittelalterlichen Wandteppichen oder aus der Buchmalerei. Michael Drake belieferte auch Kunden in Italien und fertigte als reiner Produzent für einige italienische Marken, z. B. die E. Marinella in Neapel.
Das kleine Krawattengeschäft verkaufte so viele Binder, dass die hauseigene Werkstatt in Neapel allein den Bedarf nicht decken konnte. Viele bekannte Manufakturen nähten für E. Marinella, was damals ein offenes Geheimnis war und für die Zulieferer eine Auszeichnung.
Die Krawatte dieser Folge
Die Krawatte, die wir heute vorstellen, wäre damals im Sortiment von E. Marinella nicht aufgefallen. Die Seide, aus der sie genäht wurde, ist ein sehr typischer Allover-Druck mit stilisierten Blüten in Hellblau/ Gelb und Beige/ Grün auf schokoladenbraunem Fond. Braune Krawatten galten Ende der Neunziger als sehr italienisch. Sie passten perfekt zu den damals äußerst beliebten Schuhen aus dunkelbraunem Rauleder. Der hellblaue Tupfer in den aufgedruckten Blüten nahm das Hellblau der Hemden auf.

In der Londoner Manufaktur
Wenn ich mich recht entsinne, habe ich mir die Krawatte bei einem Besuch in der Londoner Manufaktur ausgesucht. Dort sah es anders aus, als in der typischen englischen Krawattenfabrik. In der Regel zierten dort Poster mit unbekleideten Frauen oder Motorrädern die Wände. Die Büros waren nüchtern ausgestattet, der Tee wurde in schmucklosen Tassen oder Plastikbechern serviert.
Bei Drake’s war es aufgeräumter und übersichtlicher. Michael Drake hatte sich in einer Ecke des Lofts einen Arbeits- und Empfangsbereich eingerichtet, der wie das Wohnzimmer oder Atelier eines Künstlers oder Designers aussah. Ich erinnere mich an zahlreiche Bildbände, in denen Michael Drake nach Inspiration und Anregung suchte.
Michael Drake hatte eine Zeitlang mit Charles Hill zusammengearbeitet, der damals viele Schneider und Hemdenmacher belieferte. Ich habe irgendwo noch eine Krawatte mit dem Label von Hill & Drake, die ich Ende der 1980er gekauft haben dürfte. Nun arbeitete Michael Drake allein und konnte endlich so „italienisch“ gestalten, wie er wollte.
Ergänzt wurde die Kollektion durch Tücher und Schals. Michael trug gern Schals oder Tücher als Alternative zum Binder. Damals gab es auch Strickkrawatten in der Kollektion, die breiter waren als üblich. Ich habe mir damals eine in Rosa und eine in einem bräunlichen Orange mitgenommen. Vielleicht stelle ich eine davon noch vor.

Maße und Machart
Die Krawatte der ersten Folge ist 149 cm lang und misst an der breitesten Stelle 10,5 cm. Sie ist für heutige Begriffe also ziemlich breit. Die Spitzen sind mit dem Oberstoff gefüttert, was sich „self-tipping“ nennt. Ein typisch italienisches Detail dieses Binders von Michael Drake. Das Innenleben sieht man nicht, es besteht aus einer mittelfesten Baumwolleinlage. Die Krawatte lässt sich gut binden, auch ein Four-in-hand lockert sich nicht allzu schnell.

Womit sich eine braune Krawatte kombinieren lässt
Die Breite der Krawatte passt gut zu den meisten Sakkos und Anzügen in meinem Schrank. Ich mag es, wenn die Breite der Krawatte der des Revers ähnelt. Wenn man diesen Binder mit schmalen Revers kombiniert, würde er sehr breit wirken.
So schön ich die Krawatte damals fand, so selten habe ich sie getragen. Erstens, weil ich braune Krawatten nicht zum grauen oder blauen Anzug trage. Zweitens, weil sie zum ländlichen Karo- oder Tweedsakko weder vom Muster noch vom Stil her passt. Sie ist einfach zu urban. Drittens ist mir das Muster meistens zu auffällig.Erst in den letzten Jahren habe ich diese Krawatte häufiger eingesetzt. Sie passt sehr zu Baumwollsakkos oder Baumwollanzügen in Grün- oder Beigetönen. Zu Leinensakkos kombiniere ich sie nicht, weil die Seide dafür zu glatt ist.
Auf den Fotos trage ich die Krawatte zu einem grünen Sakko aus Baumwolle von Caruso und einem karierten Hemd von Gino Venturini in Wien. Man kann darüber diskutieren, ob sich das Krawattenmuster mit dem Karohemd verträgt. Ich finde, ja. Denn ansonsten habe ich nur einfarbige Teile getragen. Das Braun und das Beige der kleinen Blüte passt wiederum zu meinen Norwegern aus Rauleder von Ludwig Reiter.


