Maison Hellard – Leinen in neuem Look

Nathan Hellard will dem französischen Leinen neue Farben und Muster geben. Bernhard Roetzel hat ihn in Berlin getroffen.

Fotos: Miguel Goñi

„Leinen ist meistens einfarbig. Beige, Weiß und vielleicht noch Dunkelblau. Das fand ich langweilig.“ Wir haben uns mit Nathan Hellard in Berlin verabredet. Er ist gerade in Deutschland unterwegs, um Schneidern und Modedesignern seine Leinenkollektion vorzustellen. Nathan Hellard, der seinen Namen übrigens englisch ausspricht, da die Wurzeln der heute in Frankreich ansässigen Familie englisch sind, erinnert sich an seine Zeit in einem großen Tuchhaus. Er war dort unter anderem für Leinenstoffe zuständig und hatte keine Lust mehr, immer die gleichen Qualitäten anzubieten. „Ich habe mich gefragt, wieso es nicht auch Karos, Streifen und spannendere Farben im Bündel mit den Leinenstoffen geben soll.“ Als er realisierte, dass er seine Vorstellungen nicht bei seinem damaligen Arbeitgeber umsetzen konnte, beschloss er den Schritt in die Selbstständigkeit. Inzwischen hat er die ersten Kollektionen unter seinem Label Maison Hellard herausgebracht und ist nun kein ganz Unbekannter mehr.

Vom Tuchhaus zur eigenen Marke

„Es schien so, dass viele Schneider und Konfektionäre ähnlich wie ich gedacht haben, jedenfalls haben viele sehr positiv auf unsere Kollektion reagiert.“ Nathan Hellard nimmt ein Stoffbündel, wie es die Schneider verwenden, um den Kunden Optionen zu zeigen, und blättert ein paar Beispiele auf. „Hahnentritt, Fischgrat, Fischgrat mit Überkaro, Glencheck. Und dann diese Farben hier. Diese Stoffe sind alle sehr gut angenommen worden.“ Auf den ersten Blick sehen viele Stoffe wie die Kammgarnversionen von Tweeds aus, wie sie von englischen Webern als sommerliche Alternative zu ihren schweren Streichgarnstoffen angeboten werden. Aber bei Maison Hellard sind die Stoffe eben alle aus Leinen.

Musterauswahl. Beim Blättern durch die Stoffbündel zeigt sich, wie viele Farben und Dessins in Nathan Hellards Kollektion stecken.

Karos, Fischgrat und ungewöhnliche Farben

Es gibt noch einen anderen Unterschied zu den Kollektionen der anderen Weber und Tuchhäuser, betont Nathan Hellard: „Wir bieten auch schwerere Leinenstoffe an. Schließlich kann man Leinen genauso gut im Herbst oder Winter tragen.“ Er zeigt einen dunkelgrünen Leinenstoff mit rostbraunem und weinrotem Überkaro. „Der ist wunderbar für ein Sakko, das Sie dann mit grauem Flanell oder Kordhosen kombinieren können.“

Mustergültiges Leinen. Karos sind die Stärke des französischen Leinenhauses, und zwar in allen Varianten von Pepita über Gunclub bis Glencheck.

Flachs aus der Normandie, gewebt in Italien

Nathan Hellard holt eine braune Papiertüte aus seiner Aktentasche und schüttet eine Hand voll runder, getrockneter Blüten auf den Tisch. „Da sind die Leinsamen drin, sie fallen bei der Gewinnung des Fasermaterials ab.“ Die Leinenherstellung ist sehr aufwändig und auch heute noch mit viel Handarbeit verbunden. Früher war Leinen überall in Europa anzutreffen, bis in das späte 19. Jahrhundert war es das wichtigste Rohmaterial für Textilien. Maison Hellard arbeitet mit der Association Terre de Lin zusammen, einer Kooperative, die sich ganz der Leinenherstellung verschrieben hat. 660 französische Landwirte haben sich dazu zusammengeschlossen. Gewebt wird aber in Italien. Wieso das? „Wir haben in Frankreich keine Weberei gefunden, die uns zufriedengestellt hat. Da ist einfach zu viel Expertise verloren gegangen. Italien ist übermächtig geworden in diesem Bereich.“ Für Nathan Hellard ist das aber kein Problem, sein Leinen ist für ihn trotzdem französisch. „Das Fasermaterial kommt aus der Normandie, die Kollektionen werden in Frankreich entworfen.“ Der Look unterscheidet sich tatsächlich von dem, was italienische Leinenweber anbieten oder italienische Tuchhäuser außerhalb Italiens weben lassen. Auch die Leinenbündel der englischen Stoffanbieter enthalten andere Farben und Dessins. Meistens genau das, was Nathan Hellard nicht mehr anbieten wollte, als er noch nicht selbstständig war.

Das Lager. Rund 660 französische Landwirte liefern den Flachs für die Kollektionen von Maison Hellard, gewebt wird in Italien.
Nahaufnahme. Karos, Glencheck und einfarbige Qualitäten liegen bei Maison Hellard nebeneinander im Regal.

Zwischen Savile Row und Wien

Nathan Hellard freut sich über die Bestätigung, die er von vielen Seiten für seine Farben und Dessins erfährt. „Mehrere Schneider in der Savile Row haben schon bei uns gekauft. Außerdem auch englische Designer und Modehäuser. Das macht uns sehr stolz.“ Auch in Deutschland und Österreich kommt die Kollektion gut an, berichtet Nathan Hellard: „Ich war gerade in Wien und da habe ich einige sehr gute Kunden gewonnen.“ Ob das neue Interesse am Leinen auch mit dem wachsenden Umweltbewusstsein der Verbraucher zu tun hat, kann Nathan Hellard nicht sagen. Er kennt aber die Vorteile seines Leinens gegenüber vielen Wollstoffen: „Das Rohmaterial stammt aus Frankreich, gewebt wird in Italien. Vom Acker bis zu den Schneidern in Europa legen unsere Stoffe vergleichsweise kurze Wege zurück.“ Man kann sie also guten Gewissens tragen und genießen.

Zuschnitt. Jede Kollektion wird in Stoffbündeln mit Musterkarten präsentiert, wie es in der Branche üblich ist.
Leinenliebe. Nathan Hellard liebt den Griff und das Aussehen von Leinen. Und er ist davon überzeugt, dass man es nicht nur im Sommer tragen kann. Deshalb bietet er in seiner Kollektion auch schwere Leinenqualitäten an.

Wie sich ein Sakko aus Maison-Hellard-Leinen in der Praxis trägt, zeigt dieser Stehkragenanzug von Heron’s Ghyll, den wir bereits vorgestellt haben.

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