Ein Mann in Schiebermütze, Mantel und rotem Schal stützt sich auf den Lenker eines Brompton, dahinter der Berliner Fernsehturm

Mit Brompton durch Berlin

Vom Sloane Ranger Handbook zum Faltrad: ein Testbericht in British Racing Green, mit Fortsetzung im ICE

Kommentare oder Fragen? Bernhard Roetzel antwortet.

1990 fand ich in London das „The Official Sloane Ranger Handbook“ von Ann Barr und Peter York. Ich sog das Buch förmlich auf. Nicht nur die Seiten, auf denen es um Kleidung und Mode ging.

Für alle, die nicht in den 1980er Jahren aufgewachsen sind: „Sloane Ranger“ waren Briten der gehobenen Mittelschicht, die ihre Lebensart an der der Upperclass und des Adels ausrichteten. Für die „Sloane Ranger“ war dies wohlgemerkt kein „Lifestyle“, sondern eine Identität.

In Deutschland wurde dieses Phänomen in den Medien damals als eine Art „Jugendkult“ dargestellt und auf die Kleidung reduziert („Barbourjacke und Twinset“). So berichtete auch das Magazin „Stern“ darüber als Trend, der mit ähnlichen Bewegungen in den USA und Frankreich in Verbindung gesetzt wurde.

Das Sloane-Ranger-Handbuch behandelte jeden Aspekt des Lebens und des Alltags. Und so wurde auch das Fahrrad erwähnt.

„Sloane Ranger“ liebten am Radfahren das Risiko des Stadtverkehrs, den Kontakt mit Wind und Wetter. Und die Unabhängigkeit und Exzentrizität, die man durch die Wahl des Fahrrads und den Fahrstil ausdrücken konnte.

Hollandrad und Brompton

Fortan kam ich mir auf meinem Rad, auch wenn es ein holländisches Modell war, sehr englisch vor. Diese Liebe zum Fahrrad hat bis heute angehalten. Und ich besitze immer noch dasselbe Hollandrad, das ich mir 1990 gekauft habe.

Ein Freund von damals kaufte sich sogar ein englisches Fabrikat. Doch das große schwarze Rad aus Nederland blieb bei vielen Freunden und Lesern die erste Wahl. Vor ein paar Jahren tauchte dann aber Konkurrenz auf, der Name Brompton fiel. Auch in meinem privaten Umfeld.

Ein alter Freund aus Hamburg, Gazelle-Fahrer und Besitzer klassischer englischer Automobile, erzählte, dass er neuerdings mit einem Brompton-Rad in seine Kanzlei fährt. Natürlich klassisch gekleidet und mit englischer Tweedmütze. Das Brompton-Rad hat er als erstes mit einem Brooks-Ledersattel ausgestattet.

Eine englische Firmengeschichte

Der Mitgründer dieses Online-Magazins ist ebenfalls Brompton-Fahrer. So kam es fast von allein, dass ich mich für diese Räder zu interessieren begann. Ich begann zu recherchieren. Und stieß auf eine spannende und sehr englische Firmengeschichte.

Firmengründer Andrew Ritchie wollte zunächst einfach nur ein Rad bauen, das es so nicht gab. Als Begleiter für die Stadt, faltbar und tragbar in Bus und Bahn. Jedes Detail hat er sich ausgedacht, alles selbst konstruiert, entworfen, getüftelt und getestet.

1975 entwarf er sein erstes Faltrad, das „Mark One“. Ab 1981 baute er es selbst. Der Markenname Brompton ist inspiriert von der Oratorianerkirche „Immaculate Heart of Mary“, dem „Brompton Oratory“. Ritchies Wohnung in South Kensington liegt der Kirche gegenüber.

Ritchies Idee wirkte damals auf viele spleenig. Wer will schon ein Rad in der U-Bahn mitnehmen? Wer damals spöttelte, irrte. Ritchies Idee erwies sich als genial. Heute ist Brompton nach Stückzahl der größte Fahrradhersteller im Vereinigten Königreich. Und die Räder sind weltweit Kult.

Warum ein Faltrad

Doch irgendwie raffte ich mich nie dazu auf, ein Brompton-Rad zu testen. Was vor allem daran liegt, dass ich auf dem Land lebe. Dort nehme ich meistens das Hollandrad. Dennoch erwog ich das Kult-Rad, denn ich bin oft im Nahverkehr und viel im ICE unterwegs.

Ein Freund aus Köln besitzt ein Faltrad, ich befragte ihn nach seinen Erfahrungen. In der Stadt verwendet er es kaum, da fährt er lieber ein großes Rad. Doch wenn er nach Münster reist, um seine Eltern zu besuchen, nimmt er das Faltrad mit. Für die letzte Strecke bis zum Elternhaus.

Genau für diesen Zweck würde sich das Brompton-Rad auch für mich lohnen. Denn meine Eltern wohnen auch auf dem Land. Auch in Berlin und Hamburg, den beiden Städten, die ich am häufigsten besuche, wäre es praktisch, zwei eigene Räder dabei zu haben.

Die Testfahrt

So haben wir uns also bei Brompton ein Rad ausgeliehen. Ein Modell aus der „C Line“ in British Racing Green. Da dies keine Webseite über Fahrräder ist, lasse ich technische Details weg. Uns geht es nur um den Eindruck von der Testfahrt. Und um Bilder, die mich auf und mit dem Rad zeigen.

Das Rad war an Tommi Aittala in Berlin geliefert worden, er kam also damit angeradelt. Ich war mit dem Zug angereist. Die Sattelhöhe war schnell justiert, die Gangschaltung erklärt sich selbst. Auch wenn die Anordnung der Hebel ungewöhnlich ist und die Bedienung ein bisschen Übung erforderte.

Egal, ich stieg auf und fuhr los. Und war überrascht, wie flott ich vorankam mit den kleinen Rädern. Aber ich blieb vorsichtig. Denn man sitzt schon anders als auf dem Hollandrad. Die Schwerpunkte sind anders verteilt. Doch ich gewöhnte mich schnell ein.

Spaß macht so ein Rad auf jeden Fall. Man sitzt ähnlich aufrecht wie auf dem Hollandrad, Sakko oder Barbourjacke engen in dieser Haltung nicht ein. Und optisch passt dieser Look natürlich auch gut zu dem Rad „Made in England“.

Immer wenn ich abstieg, wollte ich mit dem Fuß den Ständer ausklappen. Den es nicht gibt. Weil man ihn nicht braucht. Man klappt stattdessen das Hinterteil des Fahrrads ein und schon steht es. Anschließen kann man sich auch sparen, das Rad kommt einfach mit rein ins Café.

Zuerst kam ich mir etwas komisch vor mit Rad an der Garderobe. Dann entdeckte ich tatsächlich ein zweites Faltrad. Es stand neben dem Schirmständer. Was wirklich ein guter Platz ist. Schirm und Rad warten drinnen auf ihren Chef.

Wie es weitergeht

Nach dem ersten Test in der Stadt sind wir neugierig geworden. Wie wird sich das Rad bei einer Zugfahrt machen? Wir werden es zunächst bei einer kürzeren Fahrt im Regionalverkehr testen, also mit minimalem Gepäck. Ideen für Taschen haben wir schon.

Und danach kommt dann die Reise im ICE mit Übernachtungsgepäck. Das wird wirklich spannend. Wie werde ich zurechtkommen mit Rad und Tasche? Wenn ich dann vielleicht sogar einen Anzug trage. Eines darf ich dann nicht vergessen: Die Hosenklammern.

Ein Mann in dunklem Wollmantel, Schiebermütze und rotem Schal trägt ein zusammengeklapptes grünes Brompton unter dem Arm

Es sei denn, ich mache es, wie es im Sloane-Ranger-Handbuch empfohlen wird: Hosenbeine in die Strümpfe stecken. Wir werden beide Varianten testen und abbilden.

Ein Mann in Tweedjackett und Schal lächelt und hält einen Teller mit einer Zimtschnecke

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