Kommentare oder Fragen? Bernhard Roetzel antwortet.
Es dauert keine 40 Minuten Fahrt mit der S-Bahn und die Welt verändert sich. Eben noch München mit Gedränge am Hauptbahnhof. Dann der beschauliche Kleinstadtbahnhof und ein wartendes Taxi. Wenige Minuten später zieht Bilderbuch-Bayern an mir vorbei.
Das Taxi setzt mich vor einem nüchternen Firmengebäude ab. Nur der Schriftzug weist darauf hin, dass hier Heimat von Hanwag ist. Seit über 100 Jahren. Hanwag steht für Hans Wagner. Eine Abkürzung, gebildet aus den Silben Han-s Wag-ner. 1921 hat damit begonnen, Schuhe zu fertigen.
Zunächst in ganz kleinem Rahmen mit wenigen Mitarbeitern. Zwiegenäht von Hand. Maschinen gab es nur, um die Schaftteile zusammen zu steppen. Für das Zwienähen gab es noch keine Maschine. Bei jedem Paar wurde einzeln mit Nadel und Faden der Schaft mit der Sohle verbunden.

Hans Wagner und Vierkirchen
Hans Wagner stammte aus einer Schuhmacherfamilie. Der Vater hat mit diesem Handwerk die Familie ernährt. Die beiden Brüder Adolf und Lorenz hatten wie Hans diesen Beruf erlernt. Alle drei sollten später eigene Schuhfirmen gründen. Lorenz Wagner Lowa, Adolf Wagner Hochland.
Hans Wagner belieferte ein Sportschuhgeschäft in München und verkaufte seine Schuhe auch direkt. Als die Nachfrage stieg, erweiterte er Schritt für Schritt seine Werkstatt. Aber immer blieb er in seinem Heimatort Vierkirchen.

Der Ort liegt im Landkreis Dachau in Oberbayern, urkundlich erstmals erwähnt wurde er 820. Die Pfarrei Vierkirchen besteht wohl schon seit 779. Im Jahr 1900 lebten dort 565 Menschen. Als Hans Wagner dort zu produzieren begann, waren es nur wenig mehr.
Der erste Weltkrieg lag nur wenige Jahre zurück. Es mangelte an vielem. Material war teurer als die Arbeitszeit. Viele Männer waren nicht aus dem Krieg zurückgekehrt. Mit dem Krieg endete im Reich auch die Monarchie.
Die neue Zeit brachte Umbrüche und Neuerungen. Der Sport wurde zur Leidenschaft von vielen. Fußball, Schwimmen, Bergsteigen und Wandern waren erschwinglich für viele. Die Berge zogen die Menschen an und Hans Wagner lieferte dafür das Schuhwerk.
Ein Schuh ist nie fertig
Hans Wagner sagte viel später einmal in einem Interview, dass ein Schuh eigentlich nie fertig ist.
Deshalb hat er sein Leben lang an seinem Produkt „herumgeknobelt“. Kompromisse bei Material und Verarbeitung gab es nie bei ihm. Die Schuhe sollten immer ein Maximum an Qualität liefern.
„Das ist auch heute noch so“, betont Thomas Gröger, Geschäftsführer bei Hanwag seit 2018.
„In den ersten 83 Jahren gab es nur zwei Geschäftsführer“, erklärt er. „Zuerst den Gründer Hans Wagner, dann seinen Neffen Josef Wagner, genannt Sepp. Der hatte bei seinem Onkel in den 1930ern das Schuhmacherhandwerk erlernt und war seitdem im Betrieb dabei.“
Der Verkauf 2004
Als Hans Wagners Tochter plötzlich starb, entschloss er sich 2004 zum Verkauf. Dabei war es ihm wichtig, dass die Qualität der Produkte erhalten bleibt. Es gab ein gutes Dutzend Interessenten, doch nur die schwedische Fenix-Gruppe erfüllte seine Bedingungen.
Hanwag ist seitdem nicht mehr im Familienbesitz. Die Verbindung zu den Wurzeln ist aber da. Was schon daran liegt, dass Hanwag in Vierkirchen geblieben ist, viele Mitarbeiter sind in der zweiten oder dritten Generation dabei.
Der Rundgang durch das Werk
Wir beginnen den Rundgang beim großen Tor zum Hof. Rechts stehen mehrere Regale mit Schuhen. Die aber alle getragen aussehen, einige mit kaputten Sohlen. „Die sind zur Reparatur hier“, erklärt Thomas Gröger. Pro Jahr werden rund 20.000 Paar Schuhe nach Vierkirchen geschickt. Der Geschäftsführer, selbst passionierter Sportler und schon vor seiner Zeit bei Hanwag Träger der Marke, nimmt ein Paar zur Hand: „Die müssen mindestens 20 Jahre alt sein, das ist unser Schuh für Gleitschirmflieger, damals auch eine absolute Novität“.
Hinter jedem dieser Paare steht eine Geschichte, jedes ist Teil einer Biografie. Wie bei dem Geologen Dr. Adelbert Niemeyer. Seine Geschichte ist eine von vielen, die man bei Hanwag erzählt.
1976 hat der Geologe in Innsbruck das zwiegenähte Bergstiefel-Modell „Expedition“ für seine erste Forschungsreise erstanden. Er besitzt es 30 Jahre später immer noch. 12 Mal wurden die Stiefel im Werk neu besohlt.


Zwiegenäht und gezwickt
Das geht bei Zwiegenähten genauso gut wie bei gezwickten Modellen. Gezwickt bedeutet, dass der Schaft um den Leisten und die darunter provisorisch befestigte Innensohle herum gezogen und an der Unterseite festgeklebt wird.
Gezwickt wurde früher von Hand mit einer Zange, heute helfen Maschinen. Wie die meisten Maschinen, die in Manufakturen verwendet werden, wurden Zwickmaschinen schon im 19. Jahrhundert erfunden.


Bei wasserdichten Modellen kommt zwischen Schaft und Innenfutter ein Strumpf aus Goretex. Der Kleber, mit dem die Laufsohle befestigt wird, dichtet gleichzeitig den Goretex-Strumpf ab und macht den Schuh so von unten wasserdicht. Aber nur, wenn der Kleber sorgfältig aufgetragen wird. Deshalb wird er von Hand aufgepinselt. Eine Technik, die Hanwag mit Goretex entwickelt hat.


„Gezwickte Schuhe bleiben während der Herstellung länger auf dem Leisten, dadurch bekommen sie dauerhaft ihre Form“, erklärt Thomas Gröger. An der Zehenkappe und der Ferse werden vor dem Zwicken Verstärkungen aus Lederfaserstoff, kurz Lefa, eingefügt. Lefa besteht zu 90 Prozent aus nachwachsenden Rohstoffen, über die Hälfte davon recycelte Lederreste.
Leder ohne Brandzeichen
Thomas Gröger nimmt einen Stapel Fersenkappen aus einem Regal und zeigt, wie flexibel das Material ist. Auch beim Leder legt er hohe Maßstäbe an: „Häute mit Brandzeichen nehmen wir nicht. Und auch keine aus Südamerika, denn die dort übliche Brandrodung ist umweltschädlich.“


Hanwag bezieht sein Leder stattdessen in Deutschland, Kroatien und Südtirol, dort wird es chromfrei gegerbt. Für das Modell „Waxenstein Bio“ kommt Leder zum Einsatz, das von Tieren stammt, die auf Bio-Höfen aufgewachsen sind.
Besonders weich ist Yak-Leder. Thomas Gröger nimmt eine Haut zur Hand und streicht genießerisch darüber: „Das ist handschuhweich, die Schuhe aus diesem Leder sind echte Fußschmeichler. Derzeit mein persönlicher Favorit.“


Wer dieses Material sucht, kann aus diversen Modellen wählen, vom traditionellen Stiefel nach zwiegenähter Machart bis zum halbhohen Wanderschuh in StraightFit-Passform. So heißen bei Hanwag Schuhe, die etwas mehr Breite im Vorfußbereich bieten. „Die sind ideal, wenn man Probleme mit dem Hallux Valgus hat“, erklärt Thomas Gröger.

Vierkirchen heute
Seit 2007 fertigt Hanwag die zwiegenähten Schuhe in Kroatien, die Schäfte in Ungarn. In Vierkirchen werden zwiegenähte Schuhe nach wie vor repariert, außerdem entstehen hier die Muster der Schuhe, die von den Designern im ersten Stock des Gebäudes entworfen werden.
Vierkirchen ist aber auch eine richtige Produktionsstätte. Pro Jahr werden dort rund 30.000 Paar Schuhe gebaut, vor allem die klassischen gezwickten Modelle wie der Klassiker Alaska. Seit 1996 ist er in der Kollektion, inzwischen gibt es ihn in verschiedenen Varianten für Herren und Damen.

Tradition oder Trend
Zwiegenähte Schuhe sind in letzter Zeit wieder stärker gefragt. Sie passen zum Heritage-Look, den sonst vor allem amerikanische Hersteller rahmengenähter Arbeitsstiefel liefern. Hanwag hat ein paar Modelle herausgebracht, die stilistisch eine Mischung aus Bergstiefel, Wanderschuh und Workwear bieten.


Bei den Einkäufern und Kunden kommen diese Modelle gut an. Nach wie vor bietet Hanwag aber auch traditionelle Modelle nach zwiegenähter Machart, z. B. die Modelle Bergler, Grünten oder Tashi. Tradition oder Trend – das lässt sich in einer Manufaktur, die seit 1921 immer besser werden will, nicht genau trennen.

